Verlag und Bibelstudien-Vereinigung e. V.

War Jakobs Handlungsweise gegenüber Esau unehrenhaft?

Lesedauer: 6 Minuten

Es ist die Frage gestellt worden: Warum hat Jakob das Erstgeburtsrecht und die Segnung seinem Bruder Esau weggenommen? Warum hat er ihm das Gericht nicht gegeben, als er hungrig war, anstatt es ihm zu verkaufen? Der Gedanke scheint naheliegend, dass Esau und Jakob hungrig waren. Dass Jakob hungrig war, wird dadurch bewiesen, dass er das Essen zubereitet hatte. Es ist auch bewiesen, dass Esau hungrig war; aber niemand weiß, wer größeren Hunger hatte. Gehen wir davon aus, dass es bei beiden gleich war, und dass nicht genug für zwei Mahlzeiten vorhanden war. Esau sagte, dass er etwas zu essen wolle, und Jakob hielt das für den richtigen Zeitpunkt, sich etwas zu sichern, das Esau besaß, und woran dieser kein Interesse hatte.

Man kann wohl auch annehmen, dass Esau in seinem ganzen Leben religiöse Dinge und Interessen vernachlässigt hat. Er heiratete ein in heidnische Familien aus der Umgebung, ließ dabei völlig die Verheißung an Abraham außer Acht, holte sich mehrere unwürdige Frauen, wie seine Mutter sagte. Aufgrund dessen ist es sehr wahrscheinlich, dass er und Jakob sich häufig unterhielten über Gottes Verheißung an ihren Großvater Abraham, und wie sie sich erfüllen würde, und es ist auch wahrscheinlich, dass Esau die ganze Zeit ohne Glauben lebte. Als sich nun die Gelegenheit bot, beide Hunger hatten und das Essen da war, sagte Jakob: ‚Du hast kein Interesse an deinem Geburtsrecht, Esau, und du wertschätzt diese Verheißung von Abraham nicht; das zählt für dich überhaupt nicht. Ich will dir sagen, was wir tun. Du kannst das Essen haben und ich das Erstgeburtsrecht. Ist das ein Angebot?‘ Esau antwortete: ‚Das ist ein Angebot. Ich möchte lieber das Gericht haben als das Erstgeburtsrecht.‘

Es war ein fairer Handel. Wenn jemand ein Geschäft macht und ein Haus kauft und beide, Käufer und Verkäufer sind zufrieden damit, würden wir das nicht als Betrug und Diebstahl bezeichnen; so war es bei Jakob. Was Esaus Erwartungen in Bezug auf die Abrahamische Verheißung anbelangte, so war diese für ihn wertlos. Er hatte in diese Verheißung kein Zutrauen. Der Apostel Paulus ruft uns diese Angelegenheit ins Gedächtnis und sagt, dass Esau „ungöttlich” – Hebräer 12:16 – war, dass er also Gottes Verheißung für wertlos erachtete; er war bereit, sie für ein Linsengericht zu verkaufen, so als hätte er den besseren Teil des Handels gemacht; so als würde er sich sagen: ‚Mein armer Bruder weiß nicht, was Leben ist; wenn er einen guten Rat von mit annehmen würde, würde er anfangen zu leben. Er glaubt etwas, was Gott zu Großvater Abraham gesagt hat, und er denkt, dass er damit eines Tages etwas Großartiges davon bekommen wird. Es lohnt nicht der Mühe darüber nachzudenken.‘ Und so dachte Esau bestimmt, er sei der Gewinner über Jakob, als er die Mahlzeit bekam.

Esau kümmerte sich nur um den irdischen Teil des Erstgeburtsrechts

Es ist auch die Frage gestellt worden: Warum hat Jakob versucht seinen Vater zu täuschen? Jakob versuchte, das in Besitz zu nehmen, was er gekauft hatte, und was der Verkäufer nicht hergeben wollte. Er wusste, dass er es bei seinem Bruder mit einem unehrlichen Menschen zu tun hatte. Alle Vorkehrungen waren getroffen, dass Esau den Segen bekommen würde – den er verkauft hatte, und jetzt war er dabei ihn zu stehlen. Jakob muss überlegt haben: ‚Ich will sein Stehlen verhindern; ich habe das Erstgeburtsrecht gekauft; ich habe das Recht, in dieser Sache an Stelle Esaus zu handeln. Ich will nur versuchen Gerechtigkeit eintreten zu lassen, so dass mein Vater tut, was recht und angemessen ist, und von dem ich weiß, dass es Gottes Wille ist, denn Gott sagte zu unserer Mutter, als wir geboren wurden, dass der Segen auf mich kommen soll. Und nun ist er auf mich gekommen dadurch, dass mein Bruder keinerlei Interessen daran hat, ich mich darum aber ganz außerordentlich kümmere. Jetzt geht es nur um die Frage, wie ich den Segen bekomme. Feststeht, dass Esau das Erstgeburtsrecht ausschließlich vom irdischen Standpunkt aus für wert hält. Ich weiß, dass ihn die unserem Vater gegebene Verheißung keinen Deut interessiert; er vertraut nicht darauf. Sein ganzes Denken dreht sich um den Besitz, der an mich gehen wird, wenn ich als der ältere Sohn anerkannt werde.‘

Jakob wusste, dass er Schwierigkeiten bekäme, wenn er versuchen sollte, den Segen zu bekommen, aber er liebte die Verheißung so sehr und wusste, dass daraus ein großer Segen hervorgehen würde, dass er alles andere geringschätzte. Er war willens, in seiner Heimat ein Ausgestoßener zu werden, wenn er nur den geistigen Teil der Verheißung bekäme, und so verließ er sein Zuhause, und es war ihm völlig klar, dass er die irdischen Besitztümer einbüßte und nur die geistige Segnung behielt, die Esau nicht haben wollte. Er hat nicht versucht, Esau die Dinge wegzunehmen, an denen seinem Bruder gelegen war.

Hier könnte man einwenden: Wenn Jakob wusste, dass der Herr ihm diese Segnung durch seine Mutter verheißen hatte, war es dann nicht ein Mangel an Glauben, nicht zu erkennen, dass der Herr sie ihm zukommen lassen würde ohne Betrug oder Verfälschung? Wir überlegen, dass Jakob, wenn er in unseren Tagen leben würde und alle Vorteile hätte, die wir haben, die Unterweisung des Alten und Neuen Testaments und die Geisteszeugung, lernen würde seinen Glauben einzusetzen, der bereits ein starker Glaube hinsichtlich Gottes Verheißungen war; er hätte gelernt, auf den Herrn zu warten. Wir haben ihm gegenüber viele Vorteile in diesen Dingen. Er nun hatte sehr wenige Vorbilder dafür, was das Warten auf den Herrn oder ähnliches anbelangte, und schließlich bewies er Eifer und Energie und Gottvertrauen auf dem Weg, den er beschritt. Und für jemand, der nicht geistgezeugt war, hat er außerordentlich richtig gehandelt.

Jakob wurde vom Herrn nicht getadelt

Wir denken, es ist bei Betrachtung dieser Vorgänge gut für uns, wenn wir alle unsere Ideen am göttlichen Maßstab ausrichten; wenn wir dies versäumen, machen wir einen Fehler. Die göttliche Norm hat immer Vorrang. Den Aufzeichnungen nach findet sich nun hier kein Wort des Herrn gegen Jakob im ganzen Geschehen, und wenn Gott nichts gegen ihn zu sagen hatte, wer sind wir, dass wir es tun sollten?

Jakob floh aus Angst vor seinem Bruder nach Paddan-Aram und gab sein Zuhause und seinen ganzen Besitz auf, gemäß der Vereinbarung, nach der er bereit war, diese Dinge für immer in Esaus Hand zu lassen, wie er es geplant hatte. Als er nun von Zuhause floh und nichts als einen Stein als Kopfkissen hatte, da erschien ihm in jener Nacht der Herr im Traum: Er sah eine Vision oder ein Bild der Segnung, die er besaß. Das war das Zeugnis, dass Gottes Gunst bei ihm war. Zu denken, dass Gott mit einem bösen Menschen zusammenarbeiten sollte, ist nicht unsere Art über die Angelegenheit zu urteilen. Wer darüber anders denkt, möge dies tun. Wir werden gemäß dem Maßstab des Herrn vorgehen und sagen. „Es steht geschrieben.”

Es kann sein, dass der Bericht Informationen nicht enthält, die einen anderen Blick auf die Dinge erlauben würden, und die es leichter machen würden, zu verstehen. Der Apostel Paulus lobt Jakobs Glauben, tadelt aber Esaus Verkauf seines Erstgeburtsrechts und ermahnt uns, nicht so zu handeln wie „ein Ungöttlicher wie Esau, der für eine Speise sein Erstgeburtsrecht verkaufte”. – Hebräer 12:16 Damit scheint Paulus anzudeuten, dass es Leute geben mag, die ihr Geburtsrecht verkaufen möchten, und andere, die es kaufen möchten.

Die Juden in Jesu Tagen, die es versäumten, die Einladung des Herrn anzunehmen, und die keine wahren Israeliten waren, verkauften für ein „Linsengericht” von irdischen Segnungen und irdischer Anerkennung ihre himmlischen, ihre geistigen Rechte. Und wir aus den Nationen, denen dieses Recht nicht von Natur aus zukam, wurden dazu eingeladen, um herauszufinden, ob wir die Vorrechte wertschätzen und den Preis gewinnen – und wir werden ihn gewinnen, wir werden das Geburtsrecht bekommen, aber die Esau-Klasse nicht.

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