Verlag und Bibelstudien-Vereinigung e. V.

„Wehe Euch, Pharisäer!” (Lukas 11:37 – 54)

Lesedauer: 7 Minuten

„Irret euch nicht, Gott läßt sich nicht spotten.” – Galater 6:7

Wir haben allen Grund anzunehmen, daß unter den zahlreichen Religionsgemeinschaften in den Tagen unseres Herrn die der Pharisäer die beste, die Gott und seinem Gesetz am meisten ergebene war. Die Sadduzäer bekannten sich nicht zu einem zukünftigen Leben. Sie waren Politiker und hatten keinen Glauben. Die Essener, die in der Schrift nicht erwähnt werden, waren eine kleine Sekte, eine Art höhere Kritiker, hatten wenig Glauben und eine verschwommene Lehre, wo Heidnisches und Jüdisches vermischt waren. Die Pharisäer könnte man als die orthodoxe Körperschaft des Judentums bezeichnen. Ihr Name bedeutet „heilige Leute”. In unserer Betrachtung übergeht Jesus die anderen Gruppierungen, die gänzlich von Gott abgewichen waren, und wendet sich ausdrücklich an die Pharisäer und zeigt auf, bei welchen Dingen sie, trotz ihrer zur Schau gestellten Heiligkeit, erhebliche Defizite bezüglich dessen hatten, was Gott wohlgefällig sein würde.

Ein Pharisäer hatte Jesus zu einem Essen in seinem Haus eingeladen. Die Einladung wurde sogleich angenommen, und Jesus kam und setzte sich mit anderen zu Tisch, ohne dem Brauch diverser Waschungen Folge zu leisten, der bei den Pharisäern üblich war. Das bedeutet für uns nicht automatisch, daß Jesus unachtsam war. Wir können eher darin erkennen, daß das Händewaschen bei den Pharisäern eine Förmlichkeit war, die Jesus bewußt ignorieren wollte, um die Gelegenheit wahrzunehmen, diesen Geist zu kritisieren, für den diese Förmlichkeit ein gutes Beispiel abgab.

Der Gastgeber hielt Jesus für einen heiligen Mann, nicht für einen Zöllner oder Sünder, und bemerkte etwas befremdet, daß er die übliche Förmlichkeit der Waschung nicht einhielt. Diese Bemerkung bot die Chance für eine Diskussion über die Sache. Jesus zeigte, das ein großer Teil der Religion, die auch die frömmsten Juden praktizierten, nur formelle Handlungen, Gebräuche waren, und nicht echte Religion. Nach außen hin waren sie rein, aber ihr Inneres, ihr Herz war unrein, dem Wucher zugeneigt und voll Schlechtigkeit. Der Herr wollte zeigen, daß in Gottes Augen das Herz das Wichtige ist, und daß das Äußere sauberzuhalten zweitrangig ist. Das Innere eines Gefäßes sollte in erster Linie beachtet werden und danach das Äußere.

Eigentlich werden die Menschen, die in ihrem Herzen mit dem Herrn in Übereinstimmung sind, durch Gehorsam gegen Seine Botschaft und Seinen Geist ganz und gar rein, äußerlich und im Innern. Man kann ruhig sagen, daß jemand, der reinen Herzens ist, je nach seinen Lebensumständen und Chancen, danach trachten wird, rein zu sein als Person, in seiner Rede, in jeder Form des Auftretens. Das in ihm wirkende Prinzip wird seine Worte, Gedanken und Taten beeinflussen, und das an jedem Tag und in jeder Stunde.

Den Äußerungen des Herrn nach, sowohl in dieser Situation als auch bei anderen Gelegenheiten, könnte es so aussehen, als sei Begehrlichkeit einer der großen Fehler der Pharisäer. Nach dem griechischen Text nannte sie Jesus ‚geldliebend‘. Einmal sagte er zu ihnen, daß diese Habsucht, Gier und Geldliebe sie dazu brachte, in betrügerischer Absicht die Rechte anderer zu mißachten. Er sagte: Ihr verschlingt die Häuser von Witwen, und meinte damit, daß sie aus dem relativ schutzlosen Familienstand dieser Frauen Nutzen ziehen, um eigenen Reichtum anzuhäufen. Es hat tatsächlich den Anschein, daß viele von den Pharisäern ziemlich reich waren. Jesus wies darauf hin, daß Gott bei solchen falschen Herzensstellungen kein Gefallen an ihnen finden konnte, selbst wenn sie noch so beflissen die auf äußere Handhabung bezogenen Vorschriften des jüdischen Gesetzes beachteten. Er machte darauf aufmerksam, daß sie durch ihr strenges Einhalten des Verzehntens (ein Zehntel ihres Jahreseinkommens als Abgabe) besonders darauf bedacht waren, dies auch bei kleinen Kräutern durchzuführen und davon nur winzige Mengen erzielten. Sie waren darauf bedacht, in jedem Fall ein Zehntel abzugeben, aber sie beachteten wichtigere Dinge des Gesetzes nicht, nämlich in ihrem Tun Gerechtigkeit walten zu lassen und anderen gegenüber barmherzig zu sein. Der Meister hatte nichts gegen ihre Praxis des Verzehntens von allem einzuwenden, doch er erklärte, daß sie dies durchaus tun, die wichtigeren Dinge aber nicht ungeschehen lassen sollten.

Ein anderes Mal warf er ihnen vor, „Ihr seihet eine Mücke und verschluckt ein Kamel”- Matthäus 23:24 – eine starke Übertreibung, ein Sprachbild, das zeigt, wie widersprüchlich ihre Überlegungen und ihre Handlungen waren. Das Seihen einer Mücke steht für ihre Gewissenhaftigkeit, das Verspeisen von durch Ersticken getötete Tiere zu vermeiden. Das Verschlucken eines Kamels bedeutete dagegen, daß sie bei aller Sorgfalt in den kleinen Dingen Gottes Gesetz für die wichtigen Dinge völlig außer Acht ließen. Jesus machte ihnen klar, daß sie besser mildtätig statt habgierig und selbstsüchtig sein sollten, und daß dann die äußere Sauberkeit weniger wichtig wäre, wenn sie diese Herzensstellung hätten.

Er beobachtete, daß sie die vordersten Sitze in den Synagogen haben wollten und auf den Marktplätzen gegrüßt werden wollten. Ihr Besitzstreben nehme die Form von Stolz und auch von Unehrlichkeit an. Sie wollten in religiösen Dingen als einzig kompetent gelten, beliebt sein und als ‚Rabbi‘ – Lehrer, Gebildeter – verehrt werden. Und der Herr fügte hinzu, sie seien wie Gräber, außen sauber und weiß getüncht, innen aber voll Tod, Zersetzung, Schmutz, Unheiligkeit. Sie seien fromme Leute nur dem Äußeren oder den Förmlichkeiten nach.

Wir nehmen uns nicht heraus alle oder einige Religionsgemeinschaften zu verurteilen und die Worte des Herrn auf sie anzuwenden. Wir haben nicht wie der Herr die Macht in den Herzen der Menschen zu lesen, noch haben wir die Befugnis, sie Heuchler zu nennen. Der Herr hat uns gelehrt: „Verurteile nichts vor der Zeit” und er sagt, daß bei seinem zweiten Kommen alles aufgedeckt wird. Bei jedem einzelnen wird sich der wahre Status zeigen. Er beschreibt, daß dann viele sagen werden: Herr, haben wir nicht viele große Dinge in deinem Namen getan? Trotzdem wird er ihnen entgegnen, ich kenne euch nicht! Ihr wart schändliche Arbeiter, habt unrecht gehandelt – in meinem Namen.

Ohne Menschen zu verurteilen, steht zu befürchten, daß ein Großteil der Christenheit unserer Tage von Apostel Paulus zutreffend so beschrieben wird, wenn er von unserer Zeit sagt: „die eine Form von Gottseligkeit haben, deren Kraft aber verleugnen”. – 2. Timotheus 3:5 Äußerlich sind sie Christen, aber im Innern Skeptiker, habgierig, erpresserisch, ungerecht. Der Mensch ist nicht imstande, über diese Dinge richtig zu urteilen. Wer eifrig und dem Herrn ergeben ist, wird als Heuchler und Betrüger beschimpft, während andere, die untreu sind, weiß getünchte Gräber, in den Himmel gehoben werden als Idole des Glaubensbekenntnisses oder als großzügige Wohltäter in ihren jeweiligen Gemeinschaften.
Wenige unter den Pharisäern, die besonders gebildet, talentiert und beschlagen waren in den Lehren des Gesetzes und den Propheten, waren ausgebildete Anwälte und promovierte Juristen, in etwa das gleiche wie hier Doktoren der Theologie. Jesus wandte sich an diese Leute und warf ihnen vor, den einfachen Leuten Lasten aufzuladen, die sie selbst nie tragen würden. Er sagte, daß sie derart strenge Auslegungen von Gottes Gesetzen lehrten, die die einfachen Leute abschrecken. Von den Zöllnern und Sündern wurde ein Maß an Vortrefflichkeit und Vollkommenheit verlangt, dem nachzukommen sie selbst nicht einmal versuchen wollten – offenbar mit dem Hintergedanken, die einfachen Leute mit der Frömmigkeit der Geistlichen zu beeindrucken, damit man noch unterwürfiger ihnen gegenüber wäre. Sie errichteten Grabmäler für die Propheten alter Zeiten und vergaßen dabei, daß ihre Väter, deren Geisteshaltung auch sie hatten, genau die Leute waren, die jene Propheten getötet, zum Tode verfolgt haben.

Wehe! Wehe! Wehe! Wehe! Wehe!

Wenn Jesus Wehe gegen die Pharisäer prophezeite, sollten wir nicht denken, daß er sie zur ewigen Qual verurteilte oder andeuten wollte, daß dies die Art Wehe sein würde, die auf sie zukäme. Das Wehe für die Pharisäer bestand darin, daß sie im Begriff waren, den großen Segen zu verspielen, den Gott dem jüdischen Volk zugesagt hatte, nämlich den einer führenden Körperschaft im Reich des Messias. – 1. Mose 12:3 Diese Verheißung gehörte in erster Linie Israel. Wegen ihrer Nachlässigkeit wurde sie ihnen weggenommen und einem anderen Israel gegeben. Wären genügend von ihnen ‚wahre Israeliten‘ gewesen, um Gottes vorherbestimmte Auswahl zu bilden, die Braut Christi, dann wäre die Königreichs-Einladung nicht an die Nationen ergangen.

Die Pharisäer waren von allen Juden in der besten Position, die Miterbschaft mit dem Messias anzutreten, aber sie erkannten nicht, was sie verloren, wie es Jesus mit dem Ausdruck „Wehe euch” greifbar machte. Er wollte ihn als Zeichen von Mitgefühl und Wohlwollen verstanden wissen. Dieser Gedanke ist aus dem Zusammenhang zu verstehen, in dem es um das große Elend ging, das zur Zeit nach Jesu Kreuzigung über sie kam und im Jahr 70 n. Chr. seinen Höhepunkt erreichte in der völligen Zerstörung ihrer Stadt und ihres Staates.

Wie der Herr erklärt, war dieses schreckliche Elend eine Begleichung von Jahwes Rechnung mit dem jüdischen Volk für all das unschuldige Blut, das vergossen worden war, und für das keine Sühne stattgefunden hatte. Jene Pharisäer wußten kaum etwas darüber, daß ihre Heuchelei nicht nur sie selbst daran hinderte, als Miterben mit dem Messias in seinem Reich vorbereitet zu werden und auch die Masse des Volkes, das ihnen vertraute, davon abhielt. Jesus nimmt darauf Bezug, wenn er im nächsten Vers – Lukas 11:52 – sagt: Ihr habt den Schlüssel zum Verständnis weggenommen. Weder werdet ihr selbst ins Reich eingehen, noch erlaubt ihr andern hineinzugehen, die dies sehr gerne tun würden, die aber in die Irre geführt werden, weil sie sich auf eure Aussagen verlassen.

Die meisten Bibelforscher glauben, daß die große Zeit der Drangsal, die am Ende des jüdischen Zeitalters herrschte, eine bildliche Darstellung oder eine Prophetie ist für die wesentlich größere Drangsal, die das Ende des Evangelium-Zeitalters ausmacht, und die Wehe auf die Pharisäer unserer Tage bringt, Wehe auch auf alle Verbrecher, wenn die jetzigen Institutionen umgestürzt werden – als Vorspiel der Aufrichtung der Gerechtigkeit, der messianischen Regierung in Herrlichkeit.

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