Verlag und Bibelstudien-Vereinigung e. V.

„Wenn wir mitleiden”

Lesedauer: 7 Minuten

„Der Geist zeugt mit unserem Geiste, daß wir Kinder Gottes sind. Wenn aber Kinder, so auch Erben – Erben Gottes und Miterben Christi, wenn wir denn mitleiden, auf daß wir auch mit verherrlicht werden.” – Römer 8:16 und 17

Judas spricht von unserem „gemeinsamen Heil”, einem Heil, einer Erlösung von Sünde, von Tod, von menschlicher Unvollkommenheit hin zur Vollkommenheit, zu all dem, was Gott für das Menschengeschlecht vorgesehen hat und was es durch Adams Ungehorsam verloren hat. Es ist Gottes Absicht, wie es unser Herr ausdrückte, das Verlorene zu suchen und zu erretten. – Matthäus 18:11

Suche und Errettung der Welt findet im Millennium statt, ihre Zeit des Gerichtet-Werdens (der Züchtigung) und der Prüfung für das ewige Leben. Dann wird den Treuen und Gehorsamen aus allen Völkern völlige Wiederherstellung und ewiges Leben zuteil werden. Jetzt aber steht dieses „gemeinsame Heil” bereits für einen bestimmten Personenkreis durch ihren Glauben bereit; das betrifft die Menschen, die durch Glauben hinhören und durch Glauben hinschauen, und die das Bestreben haben, gehorsam zu sein. Durch das ihnen zugerechnete Verdienst Christi, als Jesus „hinaufgestiegen in die Höhe”, „um jetzt vor dem Angesicht Gottes für uns zu erscheinen” – Epheser 4:8 und Hebräer 9:24 -, wird diese Gruppe so eingestuft, daß sie alle Vorzüge der Wiederherstellung zugerechnet bekommt aufgrund ihres Glaubens. Ihre tatsächliche Wiederherstellung erfolgt nicht jetzt; sie werden so gerechnet. Ihr Glaube verleiht ihnen den Status der Rechtfertigung oder Vollkommenheit.

Warum gibt es diese Diskriminierung in Gottes Plan, daß manche die Stimme des Sohnes des Menschen hören und durch Rechtfertigung aus Glauben leben, während andere die Stimme des Sohnes des Menschen nicht hören und Vollkommenheit und Leben erst im Millennium, dann tatsächlich und nicht aus Zurechnung, erhalten? „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, daß die Stunde kommt, da die Toten die Stimme des Sohnes des Menschen hören werden, und die sie gehört haben, werden leben.” – Johannes 5:25

Die Antwort lautet, daß das ein Teil des „Geheimnisses” Gottes ist, daß der Herr jetzt eine besondere Klasse sucht und auswählt, die Miterben mit Seinem Sohn sein sollen, Mitleidende mit ihm in seinem Opfer und Teilhaber seiner Herrlichkeit als König, „die Braut, das Weib des Lammes”. Diese Einrichtung, die jener Klasse die Rechtfertigung (oder Vollkommenheit) aus Glauben und nicht als Tatsache verleiht, geschieht im Hinblick darauf, daß sie bevorrechtigt sind, ein bestimmtes Opfer zu bringen: „… ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer, welches euer vernünftiger Dienst ist.” – Römer 12.1 Die Rechtfertigung aus Glauben ist unabdingbar, denn nichts Unheiliges oder Unreines darf sich dem Altar des Herrn nahen, wie es das Gesetz lehrte und die Vorbilder klar gezeigt haben. Jedes Opfer für Gottes Altar mußte „ohne Fehl und Flecken” sein. Jedes Glied unserer Rasse war fleckig und fehlerbehaftet durch ererbte Sünde und Unvollkommenheit, und deshalb mußte die göttliche Rechtfertigung aus Glauben ins Mittel treten; das ist keine Rechtfertigung durch ein Bündnis, sondern aus Glauben an das kostbare Blut Christi, „das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt wegnimmt.” Durch diesen Glauben wird verstanden, daß, während die Sünde der Welt durch das Lamm Gottes noch nicht weggenommen worden ist und die Welt sich weiterhin unter dem Todesurteil befindet, das Verdienst des vergossenen Blutes für den Haushalt des Glaubens Anwendung gefunden hat und zu gegebener Zeit unter dem Neuen Bund wirksam wird, um jedem Geschöpf Vergebung zu bringen und die Aussicht auf ewiges Leben.

Aber unter welchem Bündnis beabsichtigt Gott, die Gerechtfertigten aus Glauben als Opfernde anzunehmen? Die Antwort darauf lautet, daß Gottes Vorschlag an den Erlöser erging, sich zu opfern und als Belohnung für dieses Opfer hoch erhöht zu werden zur göttlichen Natur und Herrlichkeit. Der Herr brachte dieses Opfer, und die Segnung daraus (die sich nur auf Jesus und sein eigenes Opfer bezog) wurde durch Gottes Gnadenvorsatz außerordentlich ausgeweitet und schloß die Menschen im Evangeliumszeitalter ein, die einen ähnlichen Charakter haben wie der Erlöser. Sie sind eingeladen, an seinem Opfer teilzuhaben, und es ist ihnen verheißen, daß sie, wenn sie treu bleiben, an seiner Herrlichkeit teilhaben.

Um welche Art Opfer handelt es sich aber? Konnte die Gerechtigkeit mehr verlangen als ein Leben für ein Leben, den Tod von Jesus als Loskaufpreis für die Todesstrafe von Vater Adam? Gewiß nicht. Um die Gerechtigkeit geht es im vorliegenden Gnadenakt auch nicht. Die Gerechtigkeit kann nicht dazwischentreten, wenn es dem großen Richter und dem Erlöser gefällt, eine „kleine Herde” gerechtfertigter Gläubiger als Glieder unter dem Erlöser als Haupt anzunehmen. Dieses Vorhaben hat dem Vater gefallen und hat dem Sohn gefallen und ist nun Teil des göttlichen Planes. Dieser Personenkreis stellt diejenigen dar, die „auserwählt nach Vorkenntnis Gottes, des Vaters, durch Heiligung des Geistes” – 1. Petrus 1:1 – sowie durch Glauben. Ihre Auswahl bedeutet nicht eine Veränderung von Gottes Plan, denn sie waren „auserwählt in ihm vor Grundlegung der Welt”. – Epheser 1:4 Dies war für Engel und Menschen etwas Neues und war daher ein „Geheimnis” – und ist es für die Menschen immer noch. „Deswegen erkennt uns die Welt nicht, weil sie ihn nicht erkannt hat.” – 1. Johannes 3:1 Doch die Auslese dieser Klasse war immer Gottes Absicht. „Der Gott und Vater unseres Herrn Jesus kannte auch uns durch Jesus im voraus.”

Welchen Plan Gott daher für Jesus hatte, den Vorläufer, den Hohenpriester, das ist auch der Plan für dessen Leibesglieder; sie müssen in seinen Fußstapfen wandeln, müssen mit ihm leiden, müssen „ergänzen … was noch rückständig ist von den Drangsalen des Christus.” – Kolosser 1:24 Wenn jemand nicht so handelt, verliert er seinen Platz als Glied des Leibes. Indessen wissen wir, daß die ganze Anzahl der Herausgewählten letztlich gefunden wird und jeder einzelne ein Opferer sein wird, denn kein anderer kann sein Leibesglied werden. Der Geist ihres Hauptes befähigt sie, und er bringt das Opfer das Fleisches (des gerechtfertigten Fleisches) dar: „ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Schlachtopfer.” – Römer 12:1

Es gibt nur ein Ziel dieses Opfers, für das Gott gesorgt hat, jenes Opfer, das Jesus gebracht hat und das auch für alle Anwärter auf die Teilhabe gilt, nämlich das Opfer für die Sünde. Es wird, heilig und annehmbar, Gott übergeben. So gesehen unterscheidet es sich von anderen Opfern, die Menschen darbringen, z. B. opfern sie Bequemlichkeit oder sogar ihr Leben für ihre Kinder. Solche wenngleich ehrenwerte Opfer sind nicht das Opfer Christi, gehören nicht zu den „besseren Opfern”, wie es sie in den Opfern der Stiere und Böcke des Vorbilds gibt.

Paulus lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Tatsache, daß Sündopfer nur diejenigen waren, die außerhalb des Lagers verbrannt wurden. Dann zeigt er, wie unser Herr ein Sündopfer war, und er erklärt, daß wir, wenn wir treue Glieder seines Leibes sind, angegliedert an das Sündopfer, auch außerhalb des Lagers leiden müssen, was durch den „Bock Jahwes” vorgeschattet ist. Dieses Opfer ist noch nicht vollendet; es ist noch im Gange. Daher die Aussage des Apostels: „… laßt uns zu ihm hinausgehen, außerhalb des Lagers, seine Schmach tragend”, wie es mit dem geschlachteten Bock geschehen ist, der aus dem Lager gebracht und verbrannt wurde wie vorher der Stier. – Hebräer 13:11 – 13 Diese Dinge gehören zu den tiefen Dingen Gottes, die kein Mensch kennt, außer durch Gottes Geist. – 1. Korinther 2:6 Die Welt weiß nichts von ihnen. „Weil euch gegeben ist, die Geheimnisse des Reiches der Himmel zu wissen, jenen aber ist es nicht gegeben.” – Matthäus 13:11 -, so redet er daher in Gleichnissen. Außenstehende leben, wie die Schrift es ausdrückt, in der „äußeren Finsternis”, in der Finsternis, die Bestandteil unserer Gegenwart der Unkenntnis und des Aberglaubens ist. – Matthäus 25:30 Einige wenige durften in den Festsaal eintreten und die Herrlichkeit und Schönheit der Reichtümer von Gottes Gnade sehen. Jenen gegenüber, die diese Dinge nie sahen, gehört unser Mitleid, und wir sollten von ihnen nicht soviel erwarten als von uns selbst, die wir mit dem Wissen über dieses bedeutsame Opfer und seine herrliche Belohnung gesegnet worden sind. Da wir uns jetzt in der Zeit der Sichtung und Bewährung befinden, sollte es uns außerdem nicht überraschen, wenn der eine oder andere, der vordem im Gleichklang mit uns diese Dinge gesehen hat, blind wird und den Schönheiten und anderen erstaunlichen Dingen gegenüber und in die „äußere Finsternis” abgleitet, wir wissen nicht, wie tief. Wahrheiten sind so verwoben miteinander, daß eine abgefallene oder mit Irrtum behaftete Person zuweilen die Schönheit des ganzen Gebäudes beschädigt.

Wir sollten dann davon ausgehen, daß die Differenzen sich vergrößern und daß sich der Verlust von geistlicher Sichtweise letztlich auf andere Züge des göttlichen Planes ausdehnen wird. Wir können bloß unser Mitleid mit diesen Menschen ausdrücken; sie sind in der Tat sehr zu bedauern. Es sind zudem praktisch hoffnungslose Fälle – wohingegen Menschen, die nie gesehen und nie geschmeckt haben, doch hoffen können, diese Gnade einmal zu sehen und zu schmecken. Wer aber gesehen und geschmeckt hat und dann in Blindheit verfällt, von denen sagt der Herr: „Wenn nun das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß ist die Finsternis!” – Matthäus 6.23 Es wäre besser, den Weg der Wahrheit nie gekannt zu haben, als von der heiligen Linie abzuweichen. Es ist nicht unseres Amtes einander zu verurteilen, sondern alles in den Händen des Herrn zu lassen, in der Gewißheit, daß er keine Fehler macht. Wir haben vielleicht gedacht, daß ihr Herz völlig in Ordnung ist, während der Herr gesehen hat, daß dort nichts in Ordnung ist. Doch die Resultate werden es zeigen. Und was wir nicht zu erkennen vermögen und an Untreue gegenüber der Wahrheit herausfinden können, wird sich zu Gottes rechter Zeit und auf Seinen Wegen erweisen. Wir wollen nicht vergessen, daß der, der heiligt, und die Geheiligten (seine Glieder) eins sind. Er wohnt in uns allen. Bei unserer Weihung verlieren wir unser Menschentum mit all seinen Rechten und tauschen es ein gegen unsere geistige Zugehörigkeit als Neue Schöpfungen im Leib Christi.

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