Verlag und Bibelstudien-Vereinigung e. V.

Gottes Sorge um die Verlorenen

Lukas 15:1 – 10 „Also wird Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut.”

Das Wort ‚verloren‘ hat, auf die Menschheit bezogen, eine ganz andere Bedeutung in der Bibel als diejenige, die von der Theologie gebraucht wird. Dort wird der Begriff ‚verloren‘ angewendet auf Verdammte, für die es keine Hoffnung gibt; es schließt gemäß der Orthodoxie hoffnungslose, endlose, ewige Qual ein. In der Schrift aber wird ‚verloren‘ in einem beinahe entgegengesetzten Sinn gebraucht, wie wir sehen werden.

Unser Herr, heilig in Wort und Wandel, wollte natürlich die frommen Leute seiner Tage an sich ziehen, so scheinbar die Pharisäer. Doch unter ihnen waren viele, deren Frömmigkeit Heuchelei war, und die sich in äußerer Zurschaustellung gefielen, anstatt in Reinheit und Heiligkeit des Herzens. Wir erleben den Herrn als Gast und in der Gesellschaft bekannter Pharisäer, wo er die Gelegenheit gut nutzte, um ihnen und anderen das Evangelium zu predigen. Aber die Pharisäer, die gewohnt waren, sich selbst für die frömmere Klasse der Juden zu halten, waren nach und nach von den niedrigeren Leuten des Volkes abgerückt, so daß in Jesu Tagen beide Klassen kaum etwas miteinander zu tun hatten. Die Pharisäer lehnten es ab, die anderen als Brüder und Miterben der göttlichen Verheißungen anzuerkennen. Als sie nun sahen, daß sich die niedrigen Schichten der Juden für Jesu Lehren interessierten, und daß Jesus sich nicht von ihnen fernhielt, sondern sich unter sie mischte und auch sie wie jeden anderen lehrte, wunderten sie sich daher. Und das bewog sie Jesus abzulehnen, den sie gerne als einen der Ihren in ihren Kreis aufgenommen hätten, wenn er willens gewesen wäre, sich als Pharisäer einen Namen zu machen, und wenn er ihre Umgangsformen angenommen hätte. Um die falschen Vorstellungen jener Pharisäer richtigzustellen, sprach Jesus in fünf Gleichnissen zu ihnen, von denen wir zwei in diesem Text besprechen wollen.

Das Gleichnis vom treuen Hirten, der seine Schafe liebte und so für sie sorgte, daß er 99 von ihnen in der Obhut von Huthelfern in den Gefilden (nicht in der Wüste) zurückließ, und dem einen verlorenen Schaf nachging, bis er es fand, gibt uns eine Illustration von Gottes Fürsorge. Vielleicht hatte Jesus allein die Absicht, daß wir dies seinen Worten entnehmen. Wenn wir aber davon ausgehen, daß das Gleichnis dazu dienen sollte, in seinen tiefen Besonderheiten verstanden zu werden und Grundzüge des göttlichen Heilsplans abzubilden, müßten wir annehmen, daß das eine Schaf, das verloren war, Adam und die Menschheitsfamilie darstellte, und daß die 99 vorhandenen Schafe, die unter der Hut des Hirten geblieben waren, die Engel und andere Geistwesen sind, die sich nicht in Sünde und Gottesferne begeben haben, und die unter seiner Überwaltung und Fürsorge geblieben sind. So betrachtet würde der Hirte, der dem streunenden Schaf nachging, unseren Herrn Jesus darstellen, der die Herrlichkeit, die er vor Grundlegung der Welt beim Vater hatte, verließ und für die Menschheit ein irdisches Wesen wurde.

Eine andere Deutung des Gleichnisses wäre ungereimt, wenn man z. B. annehmen würde, daß das verlorene Schaf das heruntergekommene Element der Menschheit und 99 Schafe eine Klasse von Gottergebenen abbildet, dies wäre in zweierlei Hinsicht widersprüchlich:

  1. „Da ist kein Gerechter, auch nicht einer”, wie die Schrift sagt, und mit den Worten des Propheten: „Wir alle irrten umher wie Schafe.” – Römer 3.10, Jesaja 53:6
  2. Selbst wenn behauptet würde, daß die 99 für etliche Leute stehen, die relativ intakt sind – was nicht zu allen Zeiten zutrifft- würde das Bild nicht passen, denn ohne Frage ist nur eine verschwindende Minderheit der Weltbevölkerung im Zustand zugerechneter und relativer Harmonie mit Jahwe, dem großen Hirten.

Wenn wir das eine Schaf als Vertreter der ganzen Menschheit betrachten, die in Adam gefallen ist und weit weg von den Pfaden der Gerechtigkeit umherirrt, und wenn wir Jesus als den guten Hirten, den Repräsentanten des Vaters, des großen Hirten – Psalm 23:1 – ansehen, dann stellen wir fest, daß das Werk des Suchens nach dem verlorenen Schaf bei der ersten Gegenwart unseres Herrn begann. Wir sehen, daß die Kosten dafür für unseren Herrn da anfielen, wo er anfing, das Schaf zurückzugewinnen, aber wir sehen noch nicht, daß das Schaf wiedergefunden wurde, denn noch in keinem Wortsinn ist die Menschheit in die Harmonie mit Gott zurückgebracht worden. Was wir jedoch sehen, ist, daß Gott im Evangeliumszeitalter eine besondere Kirche heraussucht, die den Leib Christi bilden soll, die Glieder des guten Hirten als ihrem Haupt sein sollen. Wir sehen auch, daß es jedes Glied dieses Leibes etwas kostet, sich vorzubereiten auf die Teilnahme an diesem Werk des Suchens nach dem verlorenen Schaf der Menschheit im allgemeinen, was im Millennium geschieht.

Das Schaf wurde bereits in dem Sinne gefunden, daß man seinen Standort kennt, in diesem Sinn war es eigentlich nicht verloren. Doch es war insofern verlorengegangen, daß es sich von Gott abgewandt und der Sünde und dem Verfall zugewandt hat. Aus dieser Perspektive betrachtet muß es erneuert bzw. zurückgebracht werden durch den Prozeß der Wiederherstellung – Apostelgeschichte 3:19 – 21 -, heraus aus der Erniedrigung, heraus aus dem Sündensumpf und der Grube von Abscheulichkeiten und Tod. Das ganze Millennium wird nötig sein, um das Schaf im vollen Wortsinn des Gleichnisses zurückzubringen. Unser Herr versichert uns, daß in der Zwischenzeit die himmlischen Heerscharen, das heißt die nicht in Irrtümer verfallenen und aus Gottes Herde weggelaufenen Schafe, jeden Schritt dieses großen Heilsplans für die Menschheit genau beobachten. Dabei verändert sich in der Darstellung des Herrn das Bild etwas, und es ist nicht mehr von einem Schaf die Rede, sondern von vielen (wie es auch mit der Menschheitsfamilie zugegangen ist, die ursprünglich aus einem Menschen bestand und jetzt aus vielen). Er bekundet, daß Freude bei den Engeln Gottes über einen reuigen Sünder herrscht, der zur Herde, zum Gleichklang mit Gott zurückkehrt.

Wer nun in diese Harmonie zurückkehrt, ist angenommen in dem Geliebten und ist umsonst gerechtfertigt durch die in ihm wohnende Gnade, und er ist „Jetzt zurückgekehrt zu dem Hirten und Aufseher eurer Seelen.” – 1. Petrus 2:25 -, um mit den Worten des Apostels zu sprechen. Er ist berufen, als Leibesglied Mitarbeiter des guten Hirten zu werden.

Was Vater Adam anbelangt, das allererste irrende Schaf, ist für viele seiner Nachkommen der verlorene Zustand nicht der wünschenswerte, denn er und viele andere wären sonst zur Herde, von der sie abgeirrt sind, zurückgegangen. Aber durch den Verfall und das Meer der Sünde wurden sie so degeneriert und hilflos, daß sie unmöglich aus eigener Kraft auf dem Weg, auf dem sie weggelaufen sind, zurückkehren konnten. Sie bedurften eines Heilands, der imstande sein mußte sie gänzlich zu erretten, sie völlig wiederherzustellen, heraus aus der Sündenverdammnis, und sie gänzlich in Gottes Herde zurückzubringen. Und genau diesen hat Gott in Jesus Christus bereitgestellt: „Daher vermag er auch völlig zu erretten, die durch ihn Gott nahen.” – Hebräer 7:25

Nach dem klaren Zeugnis der Schrift wird es einen Personenkreis geben, der, nachdem er aus der Hand des Herrn alle Segnungen und Chancen, die seine Liebe für ihre Wiederherstellung bereitgestellt hat, auf seinem eigenen Willen besteht und so die angebotene Hilfe des guten Hirten verschmäht. Über solche Leute heißt es in der Schrift: „Denn wenn wir mit Willen sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben … .” – Hebräer 10:26 Für sie bleibt kein Anteil am Sündopfer, wie der Apostel sagt, und „es ist unmöglich, diejenigen … wiederum zur Buße zu erneuern.” – Hebräer 6:4 und 6 – oder wiederherzustellen. Über ihren Weg steht geschrieben: „Es gibt Sünde zum Tode; nicht für diese sage ich, daß er bitten solle.” – 1. Johannes 5:16 Nicht für die „Bock”-Klasse hat der gute Hirte sein Leben gegeben und sucht sie in der Wüste, und auch nicht für die „Wölfe”, sondern allein für solche, in denen wenigstens etwas von den „Schafen” und ihrem Wesen steckt, trotz ihrer Degeneriertheit durch die Sünde. Adam war ein „Schaf”, oder, wie die Schrift sagt, ein „Sohn Gottes” – Lukas 3:38 -, und seine Übertretung geschah zwar unter gewissen Gesichtspunkten willentlich, doch wir haben keinen Grund anzunehmen, daß es mehr war als ein Abschweifen des „Schafes” von der Herde, hin zu eigenwilligem Tun; es bedeutete nicht eine Veränderung des Wesens von der Schafsnatur hin zu der eines Bockes oder eines Wolfs. Es bedeutete nicht, daß Adam lieber ein „Kind des Teufels” sein wollte.

Wenn Adam aus tiefstem Herzen wissentlich und mit Willen ein Feind Gottes und der Gerechtigkeit geworden wäre, dann können wir nicht davon ausgehen, daß der allweise Hirte Seinen Sohn ihm nachgeschickt hätte als einem „Schaf”. Es stimmt, viele von Adams Kindern haben nachweisbare Merkmale einer Bocksnatur erreicht, und sind, wie der Apostel sagt, Feinde Gottes „nach der Gesinnung in den bösen Werken”. – Kolosser 1:21 Dennoch, der Apostel erklärt auch, daß viele von Satan verführt worden sind, der Licht als Finsternis und Finsternis als Licht ausgibt und ihre Augen des Verständnisses täuscht. Er sagt, daß „der Gott dieser Welt den Sinn der Ungläubigen verblendet hat, damit ihnen nicht ausstrahle der Lichtglanz des Evangeliums.” – 2. Korinther 4:4 Vielen Menschen, die, da sie sich mit dem Widersacher eingelassen haben, in vielerlei Hinsicht den Böcken ähnlich wurden, ist ein Rest Schafsnatur geblieben, die, einmal erleuchtet, sich durchsetzen und froh sein wird darüber, daß sie der gute Hirte gänzlich in Gottes Gunst und in die Herde wiederherstellen wird.

Im Rahmen dieser Deutung, die wir für die richtige und die einzig mit den verschiedenen Bestandteilen des Gleichnisses übereinstimmende halten, bemerken wir, daß Personen, die in den Zweiten Tod gehen, überhaupt nicht erwähnt werden. Sie existieren sozusagen nicht, soweit es um Gott und Seinen Plan geht, von dem Moment an, in dem sie ihre Natur als Schaf verlieren. Und das eine Schaf, das unser Herr während der Wiederherstellung und am Ende des Millenniums heilen und vollständig in die Herde Gottes zurückbringen wird, ist die Menschheitsfamilie, wie Gott sie ganz zu Anfang gedacht hat, das heißt der in Gottes Ebenbild geschaffene Mensch, der diese Ebenbildlichkeit nie völlig verloren hat, und in dem eben diese Eigenschaft im Millennium wieder belebt und wiederhergestellt wird. Das verlorene Schaf, das ursprünglich in Einem (Adam) vorhanden war, wird bei seiner Wiederherstellung von Milliarden der erlösten und geheilten Menschen repräsentiert.

Die verlorene Drachme

Das Gleichnis von der Frau, die ein Stück Silbergeld, das vermutlich als Hochzeitsgabe an einem Armband hing, verloren hatte und sich eifrig daranmachte es zu suchen, bis sie es gefunden hatte, ist eine weitere Darstellung des zuvor geschilderten Gedankens. Die Energie der Frau bei der Suche nach der verlorenen Drachme gebraucht der Herr als Illustration für die göttliche Energie für die verlorene Menschheit. Auch hier sehen wir, daß die Schrift das Wort „verloren” im Bezug auf den allerersten Verlust und durchaus nicht im Hinblick auf diejenigen, die im Zweiten Tod umkommen werden, gebraucht; sie kommen in den göttlichen Berechnungen nicht vor und sind es nicht wert erwähnt zu werden; Gott hat nicht die Absicht, diesen Personenkreis zu retten.

Das Geldstück aus Silber hatte nicht nur einen beträchtlichen Wert, sondern die Münzen sind gekennzeichnet durch ihre Prägung; üblicherweise findet sich darauf ein Bildnis oder ein Symbol. Das trifft auch auf die Söhne Gottes zu, auf Engel, Erzengel und wohl auf viele Arten von Geistwesen, die im Ebenbild Gottes gemacht sind. Eines dieser Geschöpfe war verloren, der Mensch, er war verloren, wurde gesucht und letztlich gefunden.

Die Häuser längst vergangener Zeiten, die hauptsächlich durch die Türöffnung Licht bekamen, und die gestampfte, mehr oder weniger schmutzige und schadhafte Fußböden hatten, verkörpern zutreffend den Zustand von Sünde und Verfall, in dem die Menschheit untergegangen war, wie wir ihn in Vater Adam vorfinden, der das Ebenbild Gottes trug, wie wir es in der verlorenen Drachme des Gleichnisses sehen. Dieses bildet nicht den Prozeß der Wiederherstellung ab, sondern nur den ursprünglichen Verlust und die dafür aufgewendete Energie. Das Anzünden der Lampe und das sorgfältige Suchen stehen für Gottes Handeln durch Jesus Christus, das am Ende des Millenniums abgeschlossen sein wird, wenn das, was verloren war und gesucht worden war, gänzlich zurückgewonnen sein wird.

Wenn die wiederhergestellte Menschheit am Ende des Millenniums zum Himmlischen Vater zurückkehrt, wird sie ebenso vollkommen in Seinem Ebenbild dastehen, wie es Vater Adam bei seiner Schöpfung war, und noch zusätzlich größere Erkenntnis und höhere Wertschätzung des Göttlichen, dessen Ebenbild sie trägt, gewonnen haben. Im Gleichnis bleibt auch das Anwachsen der Menschheitsfamilie unerwähnt, genauso wie jene Glieder von Adams Nachkommenschaft, die durch bewußt begangene Sünde (Personen, die die Sünde mehr lieben als die Gerechtigkeit) „aus dem Volke ausgerottet werden“ wird. -Apostelgeschichte 3:32 Sie haben in Gottes Augen keine Stellung; Er nimmt nur das Verlorene wahr, das letztlich durch Seinen treuen Stellvertreter, Christus, der sucht und findet, Ihm heil zurückgegeben wird.

Die hohe Zeit des Jubelschalls im Himmel und auf der Erde wird am Ende des Millenniums kommen, wenn alle Dinge im Himmel und auf Erden den rühmen, der auf dem Thron sitzt, und das Lamm. Für die Jetztzeit und sozusagen in der Vorausschau versichert uns der Herr, daß die himmlischen Heerscharen bei jedem Anzeichen für die Durchführung des großen Werkes und auch über jeden reuigen Sünder, der sich von seinem verderblichen Weg abwendet, jubeln. Und so wie sich die Engel im Himmel freuen, so werden sich entsprechend ihrem Maß an Harmonie mit Gott und den Himmlischen all diejenigen auf der Erde freuen über die Errettung ihrer Mitmenschen, die herausfinden aus den Fallstricken von Sünde und Satan.

Dieser Gedanke sollte insbesondere den Pharisäern nahegebracht werden, daß sie nämlich, anstatt sich fernzuhalten und sich angegriffen zu fühlen von Leuten, die freudig Jesus zuhören, froh sein sollten über jedes Anzeichen von innerer Umkehr und Besserung – vorausgesetzt sie seien in Harmonie mit Gott und den Geistwesen im Himmel. Sie sollten froh sein, die Leute beim Erreichen dieser Hamonie zu unterstützen, solche, die nach den Worten des Apostels „Gott suchen, ob sie ihn wohl tastend fühlen und finden möchten.” – Apostelgeschichte 17:27

So sollte die Einstellung aller von Gottes Volk heute sein: Wenn sie nicht von Herzen dieses Bedürfnis haben, sind sie in der Gefahr, sich vom Geist des Herrn abzuwenden. Und wenn jemand bestrebt ist, mit liebevoller Anteilnahme andere von der Sünde abzubringen und ihnen behilflich zu sein, in die Übereinstimmung mit Gott zurückzukehren, dann beweist er seine Gott wohlgefällige Herzensstellung; er leistet auch Hilfestellung für sie und tut das Seine dazu, die Wege für ihre Füße gerade zu machen, damit sie, unter der Fürsorge des Hirten, letztlich sicher die Herde erreichen.

Daher werden alle von des Herrn geliebtem Volk, die er schon gefunden hat und die seine Fürsorge und Hilfestellung zurück zu Gott angenommen haben, mehr und mehr den Geist des Mitgefühls für andere und der Mitarbeit an dem vom guten Hirten begonnenen Werk pflegen. Sie kümmern sich nicht um die Menschheit im allgemeinen, sondern leisten insbesondere denen Hilfe, die der Herr im jetztigen Zeitalter auswählt als die „Erstlingsfrüchte” seines Werkes und seines Sieges. Dabei richten sie einander auf in ihrem allerheiligsten Glauben und machen sich gegenseitig Mut; sie helfen einander beim Anlegen des Hochzeitskleides, um bereit zu sein für das Erbe der Heiligen im Licht als Miterben im Reich Gottes. – 1. Thessalonicher 5:11, Judas 20, Kolosser 1:12 und Römer 8:17

Barmherzigkeit ist besser als Opfer

„Siehe, wie fein und wie lieblich ist’s, wenn Brüder einträchtig besammen wohnen!” – Psalm 133:1

Als Joseph erkannte, daß seine Brüder sich verändert hatten, hatte er Mitgefühl mit ihnen. Als er sah, daß ihre Herzen in seinem eigenen Fall sich vom Schlechten abwandten und die göttliche Mißbilligung wahrnahmen, und es ihnen leidtat, da empfand er Mitleid für sie. Als er ihr Interesse für seinen alten Vater bemerkte und ihren Unwillen seinen Tod durch eine unfreundliche Handlung oder ein Wort zu beschleunigen, da war er voller Mitleid. Er wünschte jedoch, daß die Preisgabe seiner Identität, wer er in Wirklichkeit war, nicht vor den Ägyptern geschehen sollte. Als er merkte, daß ihn die Gefühle überwältigten wollten, gab er schnell den Befehl, daß alle Ägypter den Raum verlassen sollten. Dann gab er sich seinen Brüdern zu erkennen und sagte: „Ich bin Joseph, euer Bruder, den ihr nach Ägypten verkauft habt.”

Wir können uns die Bestürzung der Brüder gut vorstellen. Es schien ihnen, daß ihre Trübsale und Schwierigkeiten sich vervielfältigten, und sie erkannten, daß irgendjemand, oder anders gesagt, Joseph mit all ihren Drangsalen in einem Zusammenhang stehen mußte. Als er nun ohne einen Übersetzer in ihrer eigenen Sprache zu ihnen sprach und ihnen offenbarte, daß er Joseph sei, wie müssen sie sich da gefühlt haben, und wie erstaunt müssen sie gewesen sein.

Aber Joseph beeilte sich voller Mitleid und Mitgefühl ihre Ängste zu zerstreuen. Er bedrohte sie nicht und stellte ihnen auch keine Strafe für ihre Boshaftigkeit in Aussicht. Er schimpfte noch nicht einmal mit ihnen wegen ihrer Missetaten. Stattdessen erkannte Joseph an, daß die Sünde ihnen schon eine Strafe gebracht hatte, und er tröstete sie mit den Worten: „Und nun seid nicht bekümmert und werdet nicht zornig (auf euch selbst), daß ihr mich hierher verkauft habt! Denn zur Erhaltung des Lebens hat Gott mich vor euch hergesandt … um euch einen Überrest zu setzen auf Erden und euch am Leben zu erhalten für eine große Errettung. Und nun, nicht ihr habt mich hierher gesandt, sondern Gott.” – 1. Mose 45:5 – 8

Was für eine wundersame Vergeltung! Joseph vergab seinen Brüdern und drückte sein Mitgefühl für sie aus, ohne daß sie ihn darum gebeten hätten. Wie viele Christen hätten unter ähnlichen Voraussetzungen so edel gehandelt? Und doch haben Christen in jeder Weise einen großen Vorteil gegenüber Joseph, der darin besteht, daß sie vom Heiligen Geist gezeugt worden sind und die Anweisungen der Schriften besitzen. Wie wundervoll Joseph im Vorbild Christus und seinen Geist darstellt. Wie offensichtlich unsere Glaubensbekenntnisse des dunklen Mittelalters uns fehlgeleitet haben, als sie uns lehrten, zu glauben, daß alle Juden, die Geschwister Christi, ewig gequält würden, weil sie Jesus, anstatt ihn anzunehmen und seine Jünger zu werden, gekreuzigt hatten.

Heute, unter dem besseren Licht, das in der Bibel von einer zur anderen Seite scheint, erkennt das Volk Gottes, daß anstatt daß der Messias eine ewige Qual für die Juden im Sinn hat, er das Gegenteil beabsichtigt – daß sie göttliche Barmherzigkeit und Vergebung erlangen sollen. Diese Barmherzigkeit wird ihnen in Kürze zuteil werden, nachdem das Messianische Königreich aufgerichtet sein wird, wie Paulus in Römer 11:25 – 33 feststellt: „Sie werden Barmherzigkeit erlangen durch eure Barmherzigkeit.” Der gleiche Gedanke wird durch den Propheten ausgedrückt, wenn er über Israel sagt: „Sie werden auf mich blicken, den sie durchbohrt haben, und werden über ihn wehklagen … .” – Sacharja 12:10

Es wird ein Wehklagen wahren Leidtragens sein, wenn sie die große Schuld erkennen werden, die sie sich vor mehr als zwanzig Jahrhunderten aufgeladen haben. Aber anstatt daß Er sie mit ewiger Qual bestraft, wird der Herr ihnen gegenüber gnädig sein, wie Er auch sagt: „Ich werde über sie den Geist der Gnade und des Gebets ausgießen.” Wie wunderbar und wieviel mehr dies in Harmonie mit unserer vorbildlichen Lektion von heute ist. Josephs zehn Brüder stellen anscheinend Israel bildlich dar, wie auch die Ägypter die Nationen vorschatten und wie Benjamin die Große Schar Klasse und Joseph selbst die Messianische Klasse vorbildlich darstellen, die Auserwählten, von denen Jesus das Haupt ist, und die überwindende Kirche die Glieder seines Leibes sind.

„Tröstet Jerusalem”

Der Bericht der Bibel ist überall mit sich selbst und mit dem göttlichen Charakter in Übereinstimmung. Die Schwierigkeit ist entstanden, als auf die Glaubensbekenntnisse der dunklen Zeitalter geachtet wurde. Die Bibel sagt tatsächlich, daß niemand ein Glied des geistigen Israel werden kann, es sei denn, daß er an Jesus als den Sohn Gottes glaubt und sich ihm anschließt in der Selbstverleugnung und den Leiden der gegenwärtigen Zeit, damit er die Miterbschaft im kommenden Königreich erlangt. Es war ein Fehler, daß man der einfachen Botschaft etwas hinzufügte und der Welt, einschließlich den Juden, erzählte, daß die ewige Qual das Schicksal aller anderen ist.

Ganz im Gegenteil erkennen wir jetzt, daß das, was das geistige Israel erlangt, das Königreich ist, und daß das natürliche Israel und die Welt in dem Sinn jene höchste Herrlichkeit und Segnung zu erlangen verfehlt. Aber wir erkennen auch, daß es Gottes Ziel ist, für ein solches Königreich Vorsorge zu treffen, daß durch diese offensichtlich die benötigten Segnungen über alle Völker ausgegossen werden können.

Dies ist die allgemeine Lektion, die durch die völlige Vergebung gegenüber den Brüdern Josephs gelehrt wird. Die Versicherung, die ihnen gemacht wurde, daß sie nur den göttlichen Plan ausführten mit der Botschaft, die schließlich zu den Juden kommen wird; daß ihre Kreuzigung des Messias nur die Ausführung der göttlichen Absicht war, durch welche die Segnungen Gottes für alle Geschlechter der Erde möglicht gemacht wurden. Damit stimmen auch die Worte des Apostels Petrus zu Pfingsten überein, der sich an einige bereuende Juden wendend die Angelegenheit völlig erkärt, indem er sagt: „Ich weiß, daß ihr in Unwissenheit gehandelt habt, wie auch eure Obersten.” – Apostelgeschichte 3:17 Und Paulus sagt: „Denn wenn sie erkannt hätten, so würden sie wohl den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt haben.” – 1. Korinther 2:8

Gottes Einstellung gegenüber den Juden, Josephs Brüdern, wird in der Prophezeiung von Jesaja 40:1 – 2 klar dargestellt. Diese Prophezeiung weist besonders auf das Ende dieses Evangelium-Zeitalters hin. Wir glauben, daß es die bestimmte Botschaft für die Juden zur gegenwärtigen Zeit ist. Sie sagt nicht ein einziges Wort über ihre ewige Qual, sondern befindet sich im Gegenteil in völliger Übereinstimmung mit der Feststellung von Paulus, daß am Ende dieses Zeitalters Gottes Gunst zu den Juden zurückkehren wird, und sie durch das geistige Israel – den Messianischen Leib, von dem Jesus das Haupt ist, Gnade erlangen werden. Wir lesen: „Tröstet, tröstet mein Volk, sagt euer Gott. Redet zum Herzen Jerusalems, und ruft ihm zu, daß sein Frondienst vollendet, daß seine Schuld abgetragen ist! Denn es hat von der Hand des HERRN das Doppelte [den zweiten Teil] empfangen für all seine Sünden!”

Israel ist in der Tat verpflichtet worden, den Becher der Unehre und Schmach und Leiden während fast zwanzig Jahrhunderten zu trinken, seit es unseren Erlöser den Römern zum Tode überliefert hat. Es tut uns leid, daß so viel dieser Leiden durch die Hände jener über sie gekommen ist, die fälschlicherweise behauptet haben, die Nachfolger Christi zu sein. Es tut uns auch leid, daß die Juden damit so viel Grund gehabt haben, den Geist Christi nicht zu verstehen. Sie können es nur verstehen, indem sie sich daran erinnern, daß es wahre und falsche Juden gibt, wie es auch wahre und falsche Christen gibt. „Wenn jemand den Geist Christi nicht hat, so ist er nicht sein.”

Joseph wurde lange Zeit mißverstanden

Die Brüder Josephs verfehlten es, ihren Bruder zu verstehen – so groß war der Unterschied zwischen ihrem Charakter und seinem Charakter. Selbst nachdem sie mitfühlender und weichherziger geworden waren, besaßen sie noch viel Bitterkeit des Geistes und der Anfeindung, daß, wenn sie an Josephs Stelle gewesen wären, sie jetzt oder später einige Strafen für ihn vorgesehen hätten. Sie wurden daher durch Josephs Worte brüderlicher Freundlichkeit und des Mitgefühls überrascht und konnten ihnen keinen Glauben schenken. Sie vermuteten, daß er um ihres Vaters Jakobs willen gnädig mit ihnen handelte.

So finden wir, daß Jahre später, als Jakob starb, diese zehn Brüder große Angst zeigten, daß Joseph nun seine Rache an ihnen vollziehen würde. Sie kamen wieder zu ihm und baten um eine Fortsetzung seiner Vergebung. Joseph aber sagte zu ihnen: „Fürchtet euch nicht! Bin ich etwa an Gottes Stelle? Ihr zwar, ihr hattet Böses gegen mich beabsichtigt; Gott (aber) hatte beabsichtigt, es zum Guten (zu wenden), damit er tue, wie es an diesem Tag ist, ein großes Volk am Leben zu erhalten. Und nun, fürchtet euch nicht! Ich werde euch und eure Kinder versorgen. So tröstete er sie und redete zu ihren Herzen.” – 1. Mose 50:19 – 21

Mose war von Gott gelehrt worden

Er lernte jedoch die Lektion, und es ist offensichtlich, daß Joseph von Gott gelehrt war. Er hegte keinen Rachegedanken gegen seine Brüder. Welche Strafe sie für ihre Sünde bekommen würden, würde nicht seine, sondern die Entscheidung Gottes sein. Und die Strafe erreichte sie ganz offenbar in Gestalt von geistigen Qualen, von Ängsten und Vorahnungen, die sie viele Jahre peinigten. Joseph hatte mit der Ausführung der göttlichen Anordnungen nichts zu tun, in denen die Gerechtigkeit immer Strafe für jede Bosheit in Aussicht stellt. Es lag an ihm, sich großzügig, liebevoll und freundlich zu zeigen, als eine Veranschaulichung des Handelns des großen Erlösers und seines Messianischen Königreichs.

Es war das Gleiche mit seinen eigenen Erfahrungen. Wir staunen, daß ein Mann mit so wenig günstigen Gelegenheiten solch ein Verständnis des Geistes der Wahrheit besaß, des Geistes Christi. Als vom Heiligen Geist Gezeugte, die das Beispiel der Worte Jesu und der Apostel haben und der Geschichte der vergangenen Zeitalter vor Augen haben, können wir noch zu den Füßen von Joseph sitzen und überrascht sein, wie umfassend er von Gott lernte und können ähnliche Lektionen auf uns selbst anwenden. Kein Murren, niemals ein einziges Wort der Klage gegen sein bitteres Los! Mit jedem Wort in allem legte er Zeugnis über Gottes Güte, Weisheit, Liebe und Macht ab. Er erkannte, daß wenn nur ein einziger Wechsel oder eine einzige Änderung in den Erfahrungen, die über ihn gekommen waren, stattfinden würde, dies darauf hinausliefe, dem Plan als Ganzem Schaden zuzufügen, und er einige der benötigten Lektionen des Lebens zu lernen verfehlt hätte.

Wie sehr benötigen alle Nachfolger des Herrn Jesus bei all ihren Trübsalserfahrungen auf den Herrn zu schauen. Wie sehr benötigen wir alle Glauben an Gott zu haben und auszuüben – daß Er weiß, sieht und imstande und willig ist, alle Dinge zusammenwirken zu lassen zu unserem Guten, weil wir Ihn lieben, weil wir zu Seinem Zweck gerufen worden sind, weil wir danach trachten, unsere Berufung und Erwählung festzumachen durch die Entwicklung eines Charakters, der uns „fähig gemacht hat zum Anteil am Erbe der Heiligen im Licht”, zur Miterbschaft mit unserem Erlöser.

Jakob in Ägypten

Joseph plante, daß für die fünf noch folgenden Jahre der Hungersnot sein Vater Jakob und mit ihm die ganze Familie nach Ägypten kommen sollten. Er dachte dabei an das für ihre Zwecke sehr geeignete Gebiet von Gosen, das ein Grasland war. Pharao, der Joseph von Herzen verbunden und erfreut über das Gedeihen seiner Angelegenheiten unter der Hand Josephs war, zeigte seine völlige Unterstützung, indem er veranlaßte, daß Ägyptische Wagen dem alten Mann Jakob und seinen Frauen und Kindern entgegengesandt werden sollten, so daß sie nicht unter großen Mühen auf Kamelen und Eseln reiten mußten. Joseph bereitete alles für die Reise vor und sandte als Ausdruck seiner Liebe kleine Geschenke voraus. Und er richtete eine besondere Botschaft an seinen Vater: „Und berichtet meinem Vater alle meine Herrlichkeit in Ägypten und alles, was ihr gesehen habt; und eilt und bringt meinen Vater hier herab!“ Und herzlich küßte er alle seine Brüder und weinte an ihnen und sagte zu seinen Brüdern:

„Ereifert euch nicht auf dem Weg”

Offensichtlich war Joseph ein genauer Beobachter der menschlichen Natur. Viele würden gedacht haben, daß es unnötig wäre, die Brüder hinsichtlich der unter allen Umständen zu erwartenden Streitgespräche im Voraus zu warnen. Viele würden gesagt haben: „Sie werden über die Segnungen Gottes bei dem Ausgang ihrer Erfahrungen so voller Freude sein, daß die Liebe bei ihnen überwiegen wird und kein Streit.” Oft trifft das Gegenteil zu. Wenn sich Erfolg einstellt, gibt es Gelegenheiten über den Gewinn zu murren, mehr oder weniger Neid oder Selbstsucht zu offenbaren.

Unter früheren Bedingungen wären die Brüder auf Benjamin eifersüchtig gewesen, wegen der größeren Aufmerksamkeit, die Joseph diesem erwies, und wegen der dreihundert Silberstücke, die ihm als Geschenk gegeben wurden. Sie mögen darüber gemurrt haben, wieviel Freiheit sie im Land Gosen haben würden. Sie mögen vermutet haben, daß sie unter die Hand Josephs kommen würden, und daß er Benjamin vorziehen würde, usw. Offensichtlich war Josephs Warnung zeitgemäß: „Ereifert euch nicht auf dem Weg.”

Wir haben von Vorfällen gehört, die unter des Herrn Volk so ähnlich verliefen. Wenn ihre Herzen in Trübsalen zum Herrn schrien, und sie sich bei allem Wohlergehen veranlaßt sahen, untereinander Mißgunst zu offenbaren und neidisch und eifersüchtig auf die günstigen Gelegenheiten, Segnungen und Vorrechte der anderen zu sein. Was für ein großer Fehler! Ein jeder sollte sich daran erinnern, daß des Meisters Augen auf seinen Fortschritt in der Christusähnlichkeit gerichtet ist. Jeder sollte sich daran erinnern, daß brüderliche Liebe eine der Prüfungen des Charakters ist.

Es bewahrheitet sich umso mehr, weil Geschwister in Christo manchmal mehr Ärger machen, als alle anderen. Die große Nähe unserer Gemeinschaft, das vertraute Wissen über einen jeden anderen gibt einem jeden von uns Gelegenheiten zur Kritik und übler Nachrede, die aus Respekt gegenüber Fremden nicht geäußert würden. Ist es nicht so, daß alle, die zu Gottes Volk gehören, die Worte Josephs verinnerlichen sollten: „Ereifert euch nicht miteinander auf dem Weg.” Es betrifft den Weg, der für uns vom Herrn geplant ist. Es ist der schmale und der schwierige Weg, der voller Anfeindungen gegenüber dem Fleisch ist und Trübsalen und Prüfungen gegenüber dem Geist. Anteilmäßig sollten dort Liebe und Mitgefühl, Zusammenarbeit und Hilfe vorhanden sein. Die Worte, die der Psalmist in unserem Leittext in dieser Lektion anwendet, waren offensichtlich hinsichtlich der Kirche, der Geschwister des Herrn, prophetisch gemeint: „Siehe, wie fein und wie lieblich ist’s, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen.”

Der Psalmist fährt fort diese Einheit der Geschwister, der Kirche, mit dem kostbaren Öl zu vergleichen, das über das Haupt des Königs oder des Hohenpriesters bei ihrer Einsetzung in ihr Amt ausgegossen wurde. Die Bedeutung dieser Illustration bestand offenbar darin, daß das Salböl den Heiligen Geist darstellte, und indem das Salböl über den Bart des Hohenpriesters bis zum Saum seiner Kleider hinabrann, salbte es den ganzen Leib des Priesters. Dieser Priester stellt Melchisedek dar, den königlichen Priester – Jesus als das Haupt und die Kirche als seinen Leib. Während dieses Evangelium-Zeitalters hat die Salbung durch den Heiligen Geist, welche zu Pfingsten über die Kirche, den Leib Christi, kam, fortbestanden und gibt eine Salbung oder ein Salben für alle seine treuen Glieder. Und durch diese Salbung können diese Glieder als eins mit Christus erkannt werden. „Denn in einem Geist sind wir alle zu einem Leib getauft worden.” -1. Korinther 12:13

Gottes Werk in unserem Wollen und unserem Herzen

„Vollendet eure Rettung mit Furcht und Zittern; denn Gott ist es, der in euch sowohl das Wollen als auch das Vollbringen wirkt, nach seinem Wohlgefallen.” – Philipper 2:12

In allen Fällen, in denen die Apostel das Wort „wie” benutzen, weist es nachdrücklich auf die Neue Schöpfung hin, die geistigen Neuen Schöpfungen in Christus. Wenn Paulus sagt: „Bewirkt eure eigene Rettung”, richtet sich dies an die Kirche und nicht an die Welt. Die Welt befindet sich jetzt nicht in der Prüfung zur Rettung. „Vollendet eure Rettung mit Furcht und Zittern; denn Gott ist es, der in euch sowohl das Wollen als auch das Vollbringen wirkt.” Aber wenn es die Neue Schöpfung betrifft, sollten wir uns daran erinnern, daß die Persönlichkeit noch beibehalten ist. Der Apostel sagt zum Beispiel: „Ihr seid erkauft um einen Preis” – bevor ihr neue Schöpfungen wurdet. Es ist das gleiche Ego, die gleiche Persönlichkeit, wie zuvor.

Mit den Worten „Gott wirkt in euch” meint der Apostel nicht, daß Gott in uns zu wirken begann, als wir erkauft wurden, sondern es bedeutet, daß Er dies vor der Zeit unserer Zeugung und Belebung getan hat; denn wie die Schriften an anderer Stelle sagen, wurden wir von Gott gezogen, und wir wurden von Gott vor unserer Weihung berufen.

Gott wirkt als Magnet bei denen, die Gerechtigkeit lieben

Gott wird als der große Magnet dargestellt, der alle zu Sich zieht, die Gerechtigkeit lieben. Er zog uns, bevor wir überhaupt Christen wurden – die Wahrheit und Gerechtigkeit unseres Himmlischen Vaters war der Magnet. Bei dem Menschen, der ursprünglich nach dem Bild und der Gerechtigkeit Gottes erschaffen wurde, ist noch ein Teil von diesem Bild und der Ähnlichkeit übrig geblieben. Und in welchem Umfang der natürliche Mensch Gerechtigkeit, Wahrheit und Barmherzigkeit liebt, besitzt er etwas, das von Gott anerkannt wird, der das goße Zentrum der Gerechtigkeit, des Rechts, der Wahrheit und der Barmherzigkeit ist.

Einige der Menschheit sind so tief gefallen, daß die ziehende Kraft des Magnets nur wenig Einfluß auf sie ausübt. Andere unseres gefallenen Geschlechts besitzen ein größeres Maß der verbliebenen Charakterähnlichkeit mit unserem Herrn. Einige, die etwas Liebe für Gerechtigkeit, ein gewisses Maß für Barmherzigkeit besitzen, werden ein Ziehen zu dem großen Himmlischen Vater verspüren. Vielleicht hat ein jeder von uns, der ein Schüler Christi ist, etwas von dem Ziehen gefühlt, bevor wir überhaupt zum Vater kamen. Der Herr Jesus sagt: „Niemand kann zu mir kommen, es sei denn, daß der Vater, der mich gesandt hat, ihn zieht.” So müssen wir zuerst von dem Vater gezogen werden.

Aber Gott hat nur einen Weg für uns aufgezeigt, auf dem wir zu Ihm kommen können, und dieser Weg ist Christus. Diejenigen, die zu Gott zu kommen wünschen, müssen auf diesem Weg kommen, und sie müssen die Bedingungen annehmen, unter denen sie kommen können. Ihnen wurde gesagt, daß sie nur kommen können, wenn sie sich selbst erniedrigen und sich selbst opfern. „Wenn jemand mein Jünger sein will, der erniedrige sich selbst nehme sein Kreuz auf und folge mir nach.” So stellt der Herr ein Hindernis dorthin und niemand wird kommen, außer solchen, die einen wirklich ernsten Wusch danach haben. Im nächsten Zeitalter hat Gott dem Rest der Menschheit etwas anzubieten. Er wird mit ihnen unter unterschiedlichen Bedingungen handeln. Aber jetzt schaut Er nicht nach jenen aus, die nur ein Gefühl für Ihn zeigen.

Für die, welche den Herrn suchen, entsteht die Frage: Liebst du Gott und Gerechtigkeit? Willst du jeden menschlichen Willen aufgeben und stattdessen den göttlichen Willen annehmen? Wenn sie diese Bedingungen annehmen, dann werden sie Jesu Jünger werden. Wenn sie sagen: Nein! Ich kann nicht soweit gehen, dann können sie nicht seine Jünger werden. Vor einiger Zeit sagte jemand: „Ich habe meine Weihung bis jetzt nicht so ernst genommen” – so verhält es sich bei vielen. Sie möchten in Blumen gebettet mit Leichtigkeit in den Himmel gehen.

Diejenigen aber, die ihr Leben völlig weihen, die durch Christus in eine lebendige Beziehung zu dem Vater kommen, sind Neue Schöpfungen. Wirkt Gott in ihnen, nachdem sie diesen Schritt getan haben? Nein! Gott hat weitere Wege vorgesehen, durch die Er in ihnen wikt. Es ist der Geist der Charakterähnlichkeit mit Gott – ihre Liebe zur Gerechtigkeit, die so in ihnen wirkt, daß sie freiwillig auf ihre irdischen Rechte verzichten. Das ist ein mächtiges Wirken. Gott bewirkt so in uns das Wollen. Alles was wir dann getan haben, ist, daß wir uns Ihm durch Christus übergeben haben. Wir willigten ein, daß wir uns selbst Gott übergeben wollten, wenn Er uns empfangen würde. Und Er empfing uns.

Drei Wege Gottes Willen zu ermitteln

Wir bekommen die Anweisung, den Willen Gottes durch Sein Wort zu erkennen, durch Seine Vorsehungen und durch alle Erfahrungen des Lebens, damit wir beides, Seinen Willen und Sein Wohlgefallen tun mögen. Als wir uns weihten, willigten wir ein, Gottes Willen zu tun. Aber wir erkannten Seinen Willen nicht völlig. Und wenn wir die Führung Seiner Vorsehung in all unseren Erfahrungen des Lebens erkennen, werden wir zunehmend durchdrungen von Seinem Geist – dem Heiligen Geist. So wirkt Gott allmählich in uns und auf das, was wir tun. Das Wollen kommt zuerst, dann das Beleben, Kraftverleihen, Handeln.

Die Kraft, die in uns das Handeln bewirkt, ist die gleiche Kaft, die in uns das Wollen bewirkt. Kann unser Wollen vollkommen sein? Ja! Können wir vollkommen handeln? Nein! Warum können wir vollkommen wollen, aber nicht vollkommen handeln? Weil der Wille Gottes unser Wille geworden ist, unser Sinn. Der Apostel sagt: „So diene nun ich selbst mit der Vernunft dem Gesetz Gottes, mit dem Fleische aber dem Gesetz der Sünde.” – Römer 7:25 Das Fleisch hat verschiedene Schwachheiten und gefallene Neigungen, daher können wir keine vollkommenen Werke verrichten; und das Fleisch benötigt ständig das Kleid der Gerechtigkeit Christi.

Es ist für uns ständig von Nöten, daß der große Erlöser als unser großer Fürsprecher für uns eintritt, so daß wir mit Mut zum Thron der himmlischen Gnade kommen und Barmherzigkeit und Hilfe in Zeiten der Not finden mögen. So bewirkt Gott in den Neuen Schöpfungen zuerst das Wollen und dann Sein Wohlgefallen zu tun. Und jede Verheißung Gottes führt zu diesem Ende – daß wir uns nicht nur Seinem Willen unterwerfen sollen, sondern, daß wir uns freuen sollten Seinen Willen um jeden Preis zu tun. Dies ist die Weise, in der wir unsere eigene Errrettung bewirken und unseren Himmlischen Herrn erfreuen sollen.

Unsere eigene Errettung bewirken

Um unseren Leittext recht wertschätzen zu können, müssen wir ihn in seinem genauen Zusammenhang studieren, indem wir uns daran erinnern, daß er sich nicht, wie einige Leute vermuten, an die Welt richtet. Er richtet sich an eine besondere Klasse, deren Sünden vergeben und die durch Christus in eine besondere Beziehung mit Gott gebracht worden sind, in eine Stellung von Söhnen Gottes. Und es geschieht von diesem Standpunkt aus, daß sie ihre eigene Errettung bewirken müssen. Unsere Errettung soll uns mit der Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus gegeben werden.

Niemand ist jetzt errettet, ausgenommen in einem zugerechneten Sinn. Aber wir sind noch unter der allgemeinen Herrschaft von Sünde und Tod. Wir sind noch nicht tatsächlich gerettet. Wir müssen unsere Rettung bewirken. In diesem Leittext zeigt uns der Apostel, wie dies getan werden kann. Er zeigt dies im weiteren, wenn er die Kirche als Geliebte anspricht. Er würde dies nicht auf widerwärtige Personen beziehen oder auf solche, die keine Erkenntnis von Christus besitzen – die entweder Heiden oder schlechte Menschen waren. Der Brief selbst zeigt, daß er Heilige Gottes anspricht.

Was für eine Art von Rettung ist dies, von der der Apostel sagt, daß sie bewirkt werden muß? Es ist keine Errettung im allgemeinen Sinn aus Sünde und Tod zur menschlichen Vollkommenheit, wenn alle Bedingungen günstig sein werden, wenn Satan gebunden sein wird für tausend Jahre und alle aktiven Einflüsse des Messianischen Königreichs wirksam sein werden. Wenn der Apostel hier sagt: „eure Errettung”, so spezifiziert er die Errettung besonders auf dieses Evangelium-Zeitalter – „eine so große Errettung”. – Hebräer 2:3

Wenn wir uns dies genauer anschauen, um zu sehen, welch eine große Errettung dies ist, sind wir zunehmend erstaunt über ihre Tiefe und Höhe. Es ist nicht nur eine Errettung von Sünde, sondern sehr viel mehr. Sie ist nicht nur zum ewigen Leben gegeben, sondern sie ist eine Errettung zur Ehre und Unsterblichkeit, zur Miterbschaft mit dem Messias an all den herrlichen Dingen, die ihm in seiner erhöhten Stellung gebühren, weit über Engeln, Fürsten und Mächten und jeden Namen, der genannt wird. – Epheser 1:21 Je weiter sich unsere Augen des Verständnisses öffnen, um die Länge und Breite und Höhe und Tiefe dieser großartigen Errettung zu erkennen, um so größer erscheint sie. Wenn wir über die Möglichkeit nachdenken, sie zu erlangen, werden wir mit Begeisterung erfüllt – und auch mit Ehrfurcht. Denn was ist, wenn irgendeiner von uns diese Errettung verfehlen sollte – einer so hohen Berufung!

Der Apostel sagt: „Fürchten wir uns nun, daß nicht etwa – da die Verheißung in seine Ruhe einzugehen, noch aussteht – jemand von euch als zurückgeblieben erscheint.” – Hebräer 4:1 Die geringste Andeutung, daß wir dem herrlichen göttlichen Maßstab nicht gerecht werden, sollte uns mit Furcht erfüllen, damit wir nicht die große Errettung verfehlen. Dies ist nicht die Furcht vor ewiger Qual, gezeugt von Unwissenheit und Irrtum über Gott, so wie sie die Heiden haben. Sie besitzen eine Furcht Gottes, ein Grauen vor Gott, das sich zur Qual steigert; wie der Apostel Johannes sagt: „Die Furcht macht Pein”. Aber diese Art von Furcht wird von uns ausgetrieben, sowie wir zu der Erkenntnis des Herrn gelangen und bevorrechtigt sind Ihn Vater zu nennen. Es ist die heilige Furcht, die uns insgesamt antreibt. Wir haben keine sklavische Furcht, weder vor Menschen noch vor irgendetwas sonst. Wir gehören zu dieser besonderen Klasse, den Geliebten, die ein besonderes Geschenk einer besonderen Art von Errrettung haben.

Unsere große persönliche Verantwortung

Der Ausdruck „bewirken” hat eine besondere Kraft und Bedeutung. Er gibt etwas zu verstehen, das schwierig ist und Zeit und Geduld erfordert. Die Entscheidung ist schon getroffen worden, sonst würden wir nicht zu dieser Klasse gehören. Wir haben die Sache entschieden, als wir zuerst diese Entschlossenheit gezeigt haben. Wir haben unsere Leiber schon als lebendige Opfer dargestellt. Und nun sind wir geliebte Söhne Gottes; und dies, das wir unternommen haben, liegt noch vor uns. Wir erkennen, wie unser Meister sein irdisches Leben niederlegte, und wir erkennen aus den Schriften, daß er ein Beispiel für uns sein soll. So sollen wir uns selbst freudig allen Vorsehungen Gottes unterwerfen – froh darüber, daß Gottes Wille in uns getan wird, was es auch kosten mag, was es auch zu opfern bedeuten mag.

Es geschieht durch mühsame Sorge, daß wir unsere große Rettung bewirken. Gott hat den Weg vorbereitet – hat all die Anordnungen für uns getroffen. Es fehlt nichts, soweit es Gott betrifft. Die ganze Angelegenheit liegt nun an uns selbst. Gott hat uns vom Heiligen Geist gezeugt. Alle Einflüsse, die für uns notwendig sind, stehen zu unserer Verfügung, weil sie unter Seinem Befehl stehen, weil wir gerufen worden sind, weil wir angenommen worden sind, weil wir in Seine Familie eingeführt worden sind durch das Verdienst des großen Fürsprechers. Um so mehr sind wir veranlaßt, ein Gefühl von Furcht und von Zittern zu empfinden, wenn wir an alles dies denken. Da gibt es diese großartige Position der – Herrlichkeit, Ehre und Unsterblichkeit. Das Ergebnis liegt in unseren eigenen Händen. Keine andere Person im Universum außer mir ist für meinen Erfolg oder Mißerfolg verantwortlich. Ich muß jenen großen Preis erlangen! Der Herr wird es nicht für mich bewirken. Er wird mir nur bei der Durchführung dieses großen Bundes zur Seite stehen.

So ist es für uns sehr angebracht, diese Art von Furcht zu haben, eine Erkenntnis der Tatsache, daß wir alle Geschichte für die Ewigkeit schreiben. Wir sollen entweder auf der großartigen Ebene der Herrlichkeit der göttlichen Natur sein oder aber auf einer niedrigeren Ebene wie die Leviten; oder wir könnten in den zweiten Tod gehen und alles verlieren, von dem es keine Rückkehr gibt.

Das Werk, das in unseren Herzen getan wird

Wenn wir diese Umstände erkennen, ist es kein Wunder, daß wir ehrfürchtig erzittern und bemüht sind, so zu wandeln, wie der Apostel sagt, umsichtig und unsere Gedanken erwägend, so daß sie in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes in Christo sind. Dies ist tatsächlich eine Voraussetzung, die mit Furcht und Zittern wahrgenommen wird. Es ist eine Bedingung von großem Ernst. Es gibt hier keinen Raum für Torheit oder Leichtsinn oder Oberflächlichkeit. Gott prüft jede Kraft, die wir besitzen, um zu sehen, ob wir wissen, was wir bei unserer Weihung versprochen haben, zu prüfen, ob wir aufrichtig waren und alles auch so meinten, zu prüfen ob wir in irgendeinem Umfang übertrieben und nicht eine völlige Weihung für Ihn meinten.

Wenn wir es in dieser Sache nicht ganz ernst meinen, dann sollen wir es zeigen. Gott hat Seinen Teil getan, indem Er uns die Bedingungen gab und uns annahm. Nun liegt alles an uns, dies zu bewirken. Natürlich sollten wir Furcht empfinden und zittern, wenn wir daran denken. Wir wissen, daß es Gott ist, der in uns wirkt. Gott selbst hat ein Werk in uns angefangen. In keinem Herzen der Engel hat jemals ein solches Werk stattgefunden. Keiner der Engel besaß die Gabe dieser Errettung.

Wir, die wir von der Adamischen Familie stammen, werden entlang den Richtlinien, die der Vater für uns festgelegt hat, umgestaltet und entwickelt, damit Er uns zu einer Neuen Schöpfung macht. Er ist es, der zuerst in uns durch all Seine Vorsehungen das Wollen bewirkt hat. Und dann, nachdem wir unsere Leiber dargestellt hatten als lebendige Opfer, bewirkte Er in uns das Vollbringen – nicht daß wir vollkommene Werke nach dem Fleisch tun konnten; Gott wußte, daß wir dies nicht konnten und erwartet keine Vollkommenheit in dem Fleisch. Aber Er erwartet vollkommene Herzensabsichten. Er sagt: „Mein Kind hatte die Unvollkommenheiten des Fleisches, um mit ihnen zu kämpfen, und durch seinen guten Kampf mit diesen hat es seinen Gehorsam gegenüber meinem Willen gezeigt. Wenn Ich nach und nach diesem Kind einen vollkommenen Leib geben werde, einen geistigen Leib in der Auferstehung, dann bin Ich sicher, daß es meinen Willen tun wird. Mein Geist hat in ihm das Wollen bewirkt und bewirkt nun das Vollbringen. Und es zeigt mir, daß es unter den gegenwärtigen Bedingungen das Bestmögliche zu tun bestrebt ist, was es dann mit einem vollkommenen Leib tun wird. Gesät in Schwachheit wird diese Neue Schöpfung auferweckt in Kraft; gesät wird ein natürlicher Leib; auferweckt ein geistiger Leib.” – 1. Korinther 15:42 – 44

Die Heimkehr des verlorenen Sohnes

„Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen.” – Lukas 15:18

Nach den Gleichnissen vom verlorenen Schaf und von der verlorenen Drachme, einem Bild für Gottes allgemeines Handeln mit der Menschheitsfamilie, erzählte der Herr ein drittes Gleichnis als Versinnbildlichung für Gottes Handeln mit dem Volk Israel. Er wollte, daß seine Zuhörer nicht nur eine grobe Vorstellung von Gottes Güte und Aufmerksamkeit für die Wiederherstellung der Verlorenen haben, sondern hier ist eine Lehre enthalten, die den Gegenstand mit der Lebenswirklichkeit der Zuhörer, der Pharisäer und Zöllner, verknüpft und ihnen die Situation und jedem von ihnen die rechte Art zu handeln vorstellt.

Dabei ist festzuhalten, daß der Herr, der bekanntlich Sündern gegenüber gnädig war, die Sünde niemals duldete. Die Freundschaft zu den Zöllnern war nie erkauft, indem unser Herr eine Sache verfälscht und behauptet hat, sie seien keine Sünder; im Gegenteil: er bezeichnete sie als Sünder, zeigte ihnen sein Mitgefühl und seine Liebe und auch, daß ihr Fall, weit davon entfernt war hoffnungslos zu sein, wie die Pharisäer behaupteten, gerade aussichtsreich war, wenn sie nur bereuten und sich Gott zuwendeten. Den „Vater” in diesem Gleichnis stellt Jahwe Gott dar, und die „zwei Söhne” stehen für zwei Klassen in Israel, wobei der ältere Sohn Moses und die Propheten und alle, die „auf Moses Stuhl saßen”, als Vertreter des Gesetzes und auch alle, wie die Pharisäer, die ihr Leben dessen Anforderungen unterwarfen, darstellen. Der jüngere Sohn steht für den Teil des Volkes Israel, der zu Eigenwilligkeit und Nachlässigkeit dem Gesetz gegenüber neigte.

Diese beiden Klassen, also ganz Israel, waren beide Erben wunderbarer Segnungen und Verheißungen; die Segnungen waren zu gleichen Teilen unter ihnen aufgeteilt, doch die Verheißungen gehörten denen, die dem Willen des Vaters treu blieben. Der ältere Sohn stellt die Klasse dar, die die Verheißung wertschätzte und zu Hause beim Vater den Segen genoß, das heißt Gemeinschaft hatte mit Gott als Sein Volk. Der jüngere Sohn kümmerte sich nicht um die Verheißungen, nahm sich seinen Anteil am vorhandenen Segen, verließ Gott und lebte entfernt von Ihm in Sünde und Mißachtung des Gesetzes.

Letztere haben auf ihrem eigensinnigen Weg viele Freuden vorweggenommen; sie stellten aber wie alle Übertreter die altbekannte Tatsache fest, daß der Weg eines Übeltäters schwer ist. So unterschied sich der sündige Teil Israels nicht von irgendeiner anderen Gruppe von Sündern zu jeder beliebigen Zeit, die als Gesetzesbrecher lebten; es ist ein Leben in Entbehrung, in Hunger, ohne Erfüllung, in Unzufriedenheit, ein Leben im Joch der Sünde und mit dem Lohn der Sünde. Wir kennen es auch heute als ein unglückliches Leben in Trübsinn, Herzweh und Schmerzen. Das Gleichnis zeichnet diesen Sohn als jemand, der von seiner Situation gänzlich angeekelt ist und beschließt, ins Haus seines Vaters zurückzukehren, wobei er nicht erwartet, der Erbe großer Verheißungen zu sein, denn es war ihm bewußt, daß er das Recht darauf verwirkt hatte. Er hoffte nur auf das Sonderrecht, im Haus als Diener aufgenommen zu werden, nicht als Sohn.

So beschreibt der Herr die Einstellung von einigen der Zöllner und Sünder, die um ihn waren und seinen Worten lauschten und aufmerkten, wessen Lehren die Pharisäer falsch fanden. Unser Herr wollte, daß diese Reumütigen die Einschätzung des Himmlischen Vaters ihnen gegenüber erkannten, und im Gleichnis zeichnete er ihn so, daß er den bußfertigen verlorenen Sohn von weitem sah und Mitleid mit ihm hatte und alle Bereitschaft ihn aufzunehmen. Dies muß die Herzen der zuhörenden Zöllner sehr berührt haben: zu denken, daß Gott bereit war sie wieder anzunehmen, sie nicht abzuweisen, wie es die Pharisäer taten! Und der Herr fährt in seiner Darstellung fort und zeigt, daß der Vater den verlorenen Sohn nicht nur aufnahm, sondern ihn über alle Erwartungen hinaus als Sohn und nicht als Diener aufnahm, ihm ein neues Kleid der Gerechtigkeit gab und ein großes Willkommensfest für ihn machte.

Dann folgte das Bild von der Haltung der sich beklagenden Pharisäer: Der ältere Bruder wird im Gleichnis als enttäuscht gezeichnet anläßlich der Rückkehr des verschwenderischen Bruders. Damit offenbarte ihnen unser Herr, wie weit entfernt von der Einschätzung des Himmlischen Vaters ihre Herzensstellung war, und damit tadelte er sie. Im Gleichnis wird ihre Einstellung gezeigt, als sie es ablehnten, den verlorenen Sohn „Bruder” zu nennen und stattdessen „dieser dein Sohn” sagten, während im Gegensatz dazu der Standpunkt des Himmlischen Vaters mit den Worten ausgedrückt wird: „dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden”.

Die Pharisäer und andere aus dem jüdischen Volk, die sich bemühten das Gesetz zu halten und Gottes Geboten treu zu sein, hatten, was das betrifft, die richtige Einstellung und waren in diesem Punkt und bis zu dieser Zeit Erben alles dessen, was Gott zu geben und verheißen hatte. Wenn sie nicht nur nach außen religiös gewesen wären, sondern religiös auch im Herzen, dann wären sie bereit gewesen, aus den Händen des Herrn die herrlichen Segnungen der Vorrechte seines Reiches zu empfangen, die sie nun, in ihrer falschen Herzensstellung, verachteten, ablehnten und verloren. Diesen Verlust bildet das Gleichnis ab in der Weigerung, an dem durch den Vater ausgerichteten Fest teilzunehmen, bei dem sie genauso willkommen gewesen wären wie der heimgekehrte verlorene Sohn. Wenn sie in der rechten Herzensstellung gewesen wären, hätten sie erste Plätze mit dem Vater eingenommen und hätten ihrerseits den Heimkehrer willkommen geheißen. Weil sie aber gerade nicht die rechte Einstellung hatten, ihren reumütigen Bruder zu empfangen, hätten sie auch nicht die geeignete innere Haltung bewiesen, um als Werkzeuge des Herrn für die allgemeine Segnung in Seinem Reich zu dienen. Zur Miterbschaft in Seinem Reich sucht er nicht die Selbstgerechten, die andere verachten, sondern Menschen, die niedriggesinnt sind und die, weil sie die göttlichen Gnadengaben und Seine Gunst als unverdientes Geschenk empfangen, erfüllt sind mit Dankbarkeit. Diese besitzen den Geist der Demut und des gleichen Sinnes mit dem Vater und sind voll Freude mitarbeiten zu dürfen bei Seinen den Menschen wohlwollenden Vorhaben für die Wiederherstellung der Verlorenen.

Mit den beiden anderen Gleichnissen läßt sich in einem großen Thema die Verbindung herstellen, wenn wir in dem verlorenen Sohn außerdem die übrige Menschheit sehen, über jene wenigen in Israel hinaus, die sich bemühen den Willen des Vaters zu tun. Unter diesem Gesichtspunkt erkennen wir, daß das Fest von Fettspeisen, das für die Sünder in Israel bereitet ist, ein Pendant darstellt zu jenem Fest, das schließlich im Reich Gottes für die ganze Menschheit bereitet wird – Jesaja 25:6 -, damit alle ins Haus des Vaters zurückkehren, und daß alle diese Wiederkehrenden durch Christus von Gott aufgenommen werden, nicht als niedrige Knechte, sondern als Söhne.

Die beiden anderen Gleichnisse beziehen den menschlichen Willen zur Wiederherstellung der Verlorenen nicht ein; dieses Gleichnis aber stellt den menschlichen Willen in den Mittelpunkt. Der Wille des älteren Sohnes war es, der ihn damals im Haus des Vaters hielt; und der Wille des verlorenen Sohnes war es, der ihn hinausführte; er wollte die Tiefen der Erniedrigung erleben, woran ihn der Vater nicht hinderte. Genauso führte ihn sein Wille zur Umkehr und zur Rückkehr ins Haus seines Vaters, und es war auch der Wille, der den älteren Sohn daran hinderte, die Freuden des Festes zu genießen, mit denen das Gleichnis schließt.

Auch der Zweite Tod und die Klasse, die dort endgültig untergeht, kommt nicht im Gleichnis vor. Der verlorene und letztlich wiedergefundene Sohn war insofern verloren, als er fortging in die Sünde; er war nicht etwa an die ewige Qual verloren. Er wurde wiedergefunden, als er zu Gott zurückkam. In den Augen seines Vaters war er tot während seiner Abwesenheit, aber lebendig, als er bereit war zurückzukehren.

Die Lektion für die Pharisäer in diesem Gleichnis wie auch in den anderen bezog sich auf ihre eigenen Pflichten ihren Brüdern gegenüber, welche dadurch, daß sie Jesus aufnahmen, unter Beweis stellten, daß sie zu Gott zurückkehren wollten. Bekanntlich waren, soweit wir wissen, nur wenige, wenn überhaupt, von den Nachfolgern Jesu aus der Klasse der Religiösen jener Zeit, die den Anspruch erhoben, auf Moses Stuhl zu sitzen und in jedem Sinn des Wortes die bevorzugten Leute des Vaters dieses Bündnisvolkes waren. Daß die Pharisäer nicht groß von diesem Gleichnis profitierten, scheint offensichtlich; wenige Angehörige dieser Klasse waren geneigt, ihre hochgelobte und herausgehobene Stellung aufzugeben und anzuerkennen, daß sie in allem von der Gnade des Vaters abhingen, und daß sie nichts aus sich selbst tun konnten.

Einige Parallelen zu solchen Verhältnissen, die am Ende des jüdischen Zeitalters herrschten, lassen sich jetzt am Ende des Evangeliumszeitalters beobachten, wie es schon verschiedentlich zu bemerken war, daß besondere Dinge des jüdischen Volkes in ihrer Erntezeit ein Grundmuster oder ein Bild oder eine Darstellung für das Evangeliumszeitalter und das geistige Israel abgeben. Von den geistigen Israeliten geht heute zur Zeit der zweiten Gegenwart des Herrn eine Botschaft aus an die seufzende Schöpfung, eine Botschaft über die Liebe des Vaters und ihre Längen und Breiten, Höhen und Tiefen, eine Botschaft über das von unserem Herrn bereitgestellte Lösegeld, das ein „Lösegeld für alle” ist, und darüber, daß sein Tod „die Sühnung für unsere Sünden <ist>, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die ganze Welt” – 1. Johannes 2:2 -, eine Botschaft, daß die ganze durch Christi kostbares Blut erlöste Welt umfassend Gelegenheit hat, im Millennium in die Harmonie mit Gott zurückzukehren, „bis zu den Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge, von welchen Gott durch den Mund seiner heiligen Propheten von jeher geredet hat.” – Apostelgeschichte 3:21

Wie nun wird diese Kunde von der nominellen Christenheit, die gewissermaßen den älteren Bruder des Gleichnisses vorstellt, aufgenommen? Scheint es nicht so, daß diese Botschaft der Wiederherstellung der „seufzenden Schöpfung” – Römer 8:22 – in der gleichen Art aufgenommen wurde, die von Gottes Gnade gegen den jüdischen verlorenen Sohn zeugt? Sollte man nicht meinen, daß viele unserer lieben Freunde, von denen wir erwartet hätten, daß sie sich freuen über die Handlungsweise des Himmlischen Vaters, der die umkehrwillige Welt gerne zurückerhält, die Kunde gerne annehmen? Er hat doch durch Jesus unfehlbar Vorkehrung getroffen für diese Rückkehr zur Gemeinschaft mit ihm und hat vorgesorgt, daß alle von Seiner Gnade in Christo erfahren. Sollte man nicht meinen, daß diese wunderbare Botschaft „guten Willens für alle Menschen”, diese „große Freude, die für das ganze Volk sein wird” – Lukas 2:10 – eine frohe Botschaft für alle Christen ist?

Ganz gewiß sollte sie es sein für alle, die den Geist des Vaters haben, für alle, die ihren Nächsten und sich selbst lieben. Aber wir wissen, wie unnachgiegbig die Botschaft von manchen abgelehnt wird, die dem äußeren Anschein nach lange vom Himmlischen Vater begünstigt waren und die sich bemüht haben, sich durch erkennbaren Gehorsam eng an die Gesetze der Gerechtigkeit zu halten. Was läßt sich aus ihrer Lebensführung in Bezug auf Seine Botschaft von der gegenwärtigen Wahrheit schließen? Bedeutet es nicht, daß sie nach außen hin Söhne Gottes waren, den Gesetzen der Gerechtigkeit gehorchten, in ihrem Innern aber weit entfernt von Ihm waren, selbst wenn sie sich mit ihren Lippen sehr zu Ihm bekannten und ihre Knie im Gebet vor Ihm beugten?

Wenn sie Gottes Geist der Liebe, der Freundlichkeit, der Großmut, der Gerechtigkeit und der Wahrheit hätten, dann, sollte man meinen, wären sie froh, ja sie würden jubilieren über die Aussicht, daß der Himmlische Vater einen genialen, herrlichen Plan zur Wiederherstellung für die Menschheit hat, nachdem im jetzigen Zeitlauf die Kirche als zukünftige Braut und Miterbin gefunden wurde. Wenn sie Gottes Geist hätten, den Geist dessen, der die Herrlichkeit des Vaters aufgegeben und sich zu unserer Wesensart sogar bis in den Tod erniedrigt hat, um Mitarbeiter mit dem Vater zu sein. Dort geht es um das große, binnen kurzem vollendete Werk für die Zurückgewinnung derer, die verloren sind, worüber sich die „Brüder” des Herrn sehr freuen, denn sie wissen, daß dies zu ihrem Vorrecht als Glieder des Leibes Christi gehört, Helfer in dem gewaltigen Werk zu sein und die verlorenen Schafe zurückzubringen, sorgfältig auszufegen, die verlorene Drachme zu finden und den verlorenen Bruder ins Haus des Vaters gerne wieder aufzunehmen.

Es ist nicht unsere Sache, das Herz der Menschen zu beurteilen; das würde unsere Kraft übersteigen. Aber der Herr scheint die Wahrheit dergestalt zu gebrauchen, daß sie zum Unterscheidungsinstrument für die Gedanken und Beweggründe des Herzens wird, und daß sie, schärfer als jedes zweischneidige Schwert aufdeckt, trennt, offenbar macht, wer den Geist des Herrn hat, und wer ihn nicht hat. – vergleiche Hebräer 4:12 – „Wenn aber jemand Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein.” – Römer 8:9