Verlag und Bibelstudien-Vereinigung e. V.

Christi Himmelfahrt

„Und es geschah, indem er sie segnete, schied er von ihnen und wurde hinaufgetragen in den Himmel.“ Lukas 24:51

Der Verfasser unseres Leittextes, der Evangelist Lukas, verweist uns hier auf die Apostelgeschichte, Kapitel 1, Verse 1 – 14, und stellt zum Evangelium die Verbindung her.

Die beiden Verse 2 und 3 umreißen die vierzig Tage, in denen der Herr nach seiner Auferstehung und vor seiner Himmelfahrt bei den Jüngern war. In dieser Zeit war es dem Herrn ein großes Anliegen, die Jünger über den geistigen Charakter seines zu errichtenden Reiches und auch darüber aufzuklären, daß sein Leiden als Vorstufe zu der darauffolgenden Herrlichkeit notwendig war. Seine Erklärungen zur Schrift, wie er sie z. B. den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus gab, stellten nur einen Teil seiner Aufklärung dar; ein weiterer und, wie wir annehmen können, wichtigerer Teil wurde ihnen anschaulich durch sein Verhalten vermittelt. Er wollte zwei Dinge unter Beweis stellen:

  1. daß er, den sie als gekreuzigt und begraben erlebt hatten, von den Toten auferstanden und ins Leben zurückgekommen ist.
  2. daß er, wenngleich lebendig und als Person identisch und als das ihnen bekannte Individuum jetzt einen ganz anderen Zustand verkörperte; daß er nicht mehr der Mann Jesus Christus war, der sich „gab als Lösegeld”, sondern daß er, nachdem er dieses Werk vollendet hatte, für dessen Erfüllung er die Gestalt und Natur eines Knechtes angenommen hatte, auf einer höheren, geistigen Ebene lebendig gemacht worden war, die er mehr als dreiunddreißig Jahre zuvor verlassen hatte, um die Menschheit zu erlösen.

Da die Apostel natürliche Menschen waren, denen das Geschenk des Heiligen Geistes noch nicht zuteil geworden war, waren sie damals noch nicht imstande, geistige Dinge zu begreifen. – Johannes 3:12

Daher war es nötig, Beweise für Geistiges zu erbringen (nämlich daß Christus als Geistwesen von den Toten auferweckt worden war), anhand derer im Menschlichen verhaftete Personen die Vorgänge verstehen konnten. Zum Erreichen dieses Zwecks hätte es nicht genützt, und es hätte für die Jünger nicht einen hinreichenden Beweis seiner Auferstehung ausgemacht, wenn er ihnen so erschienen wäre wie später Saulus von Tarsus, nämlich in der Glorie eines Geistwesens, in einem „Licht, das den Glanz der Sonne übertraf”. – Apostelgeschichte 26:13 Letzteres war eine wertvolle Lektion für den Apostel Paulus und für alle Apostel; hier aber war das verbindende Element vonnöten zwischen dem auferstandenen und verherrlichten Jesus und dem Mann Jesus, und für solche verbindenden Elemente wurde in den vierzig Tagen vor der Himmelfahrt gesorgt. Zu diesem Zweck erschien unser Herr den Jüngern als normale Gestalt aus Fleisch und Blut und zweimal als Gestalt wie die des Gekreuzigten mit den Wundmalen, den sie gesehen hatten. So stellte er für ihren Verstand die Verbindung zwischen dem gekreuzigten Mann Jesus und dem auferstandenen Geistwesen Jesus her.

Das zweite Element dieser Lektion bestand darin, daß diese Erscheinungen relativ selten vorkamen: Den Berichten nach erschien ihnen der Herr höchstens zehn Mal, und seine Gespräche mit ihnen waren dem Anschein nach sehr kurz, so daß wir sicher recht gehen in der Annahme, daß er in den ganzen vierzig Tagen nicht mehr als vier Stunden insgesamt für die Jünger sichtbar war, was sehr wahrscheinlich nicht mehr als höchsten eine halbe Stunde Gesprächszeit bei jedem der fünf von zehn überlieferten Gesprächen ausmacht. Wo war er in der übrigen Zeit?, werden sie sich natürlich gefragt haben. Warum hielt er sich nicht ständig wie vor seiner Kreuzigung bei ihnen auf? Und genau das war Bestandteil ihrer Lektion, nämlich Nachdenken und Überlegung in ihnen anzuregen und in ihnen das Verständnis zu wecken, daß eine große Verwandlung in dem Zeitraum zwischen seiner Kreuzigung und seinem ersten Erscheinen bei ihnen am Morgen seiner Auferstehung stattgefunden hatte. Wir können versuchen, uns ihr Nachsinnen über die Vorgänge in diesen vierzig Tagen, ihre Diskussionen pro und contra, ihre Erwartung, wann der Herr das nächste Mal erscheinen würde, und zu welchem Ergebnis das Ganze führen würde, vorzustellen.

Das dritte Element ihrer Lektion betraf die Art und die Ausprägung seines gelegentlichen Erscheinens: Das eine Mal erschien er Maria als Gärtner; sie sah keine Nägelmale an seinen Händen oder Füßen, und dabei hatte sie die Füße umfaßt. Und als Mitwanderer und Gast erschien er in wieder anderer Gestalt in Emmaus, wo die Jünger, mit denen er am Tisch saß, ihn nicht erkannten und nichts Besonderes an seinen Händen und Füßen bemerkten. Sie erkannten ihn erst, als er den Segen über die Mahlzeit sprach. Ein anderes Mal erschien er Petrus, Jakobus und Johannes wieder in anderer Gestalt; sie erkannten ihn durch das Wunder. Der Evangelist sagt über ihn: „Keiner von den Jüngern wagte ihn zu fragen: Wer bist du? Da sie wußten, daß es der Herr sei.” – Johannes 21:12 Sie wußten es nicht etwa durch die Nägelmale, sondern durch sein Wesen und durch den wundersamen Fischzug nach jener Nacht, als sie nichts gefangen hatten. Bei zwei Gelegenheiten erschien er in einem Körper wie dem des Gekreuzigten mit den Nägelmalen und der Speerwunde; dabei war der ungläubige Thomas einmal anwesend und einmal nicht. Diese unterschiedlichen Verkörperungen in verschiedenen Situationen und an verschiedenen Orten, völlig anders als sein früheres Verhalten zu ihnen, zielten darauf ab, ihnen klar zu machen, daß er „verwandelt” war, daß er kein Wesen aus Fleisch und Blut mehr war, nicht mehr der „Mann Jesus Christus”, der „Fleischgewordene”, ein in Fortbewegung, Sichtbarkeit usw. auf die irdischen Gegebenheiten beschränktes Wesen, sondern daß er nun lebendig war, doch so anders, daß er erscheinen und verschwinden konnte, diesen oder jenen Körper annehmen und nach Belieben die eine oder eine andere Kleidung tragen konnte.

Die vierte Lektion, die sich aus dem Beobachten seiner Erscheinungen ergeben sollte, bestand darin, daß er plötzlich, nicht vorhersehbar, auf geheimnisvolle Weise erschien und wieder verschwand. So hatte sich der Herr zu den beiden auf dem Weg nach Emmaus eingefunden, und sie wußten nicht woher er kam; und dann, nachdem er ihnen soviel an Erläuterungen gegeben hatte, als sie aufzufassen imstande waren, „wurde er ihnen unsichtbar”. Am selben Abend erschien er an einem anderen Ort unvermittelt den Zehn, wo die Türen aus Angst vor den Juden geschlossen und sicherlich fest verriegelt waren. Er brauchte die Riegel nicht aufzuschieben und die Tür nicht aufzumachen, wie es der „Mann Jesus” hätte machen müssen; als Geistwesen konnte Jesus so handeln und tat es auch, wie er es vorher Nikodemus in Anwesenheit der Jünger erklärt hatte, aufgezeichnet in der Schriftstelle Johannes 3:5. Er kam und ging wie der Wind; niemand konnte sagen, woher er kam; und als er sie wieder verließ, entschwand er aus ihren Augen, und keiner konnte sagen, wohin er ging. Dies trifft auf jeden zu, der aus dem Geist geboren ist. Nicht verwunderlich, daß die Jünger zunächst erstaunt und furchtsam waren, und daß unser Herr sie überzeugen mußte, daß sie nicht einem Geist gegenüberstanden, sondern einer Person aus ganz normalem Fleisch und Blut, vor der sie keine Angst zu haben brauchten. Er versicherte ihnen, daß er kein Geist ist: „… Vater Abraham erschienen in einem Körper aus Fleisch und Knochen, als er mit ihm aß und trank. – 1. Mose 18:1 Wir müssen den großen Unterschied beachten zwischen der Fähigkeit eines Geistwesens, das in einem Körper aus Fleisch erscheinen kann, und der großen Erniedrigung, die unser Herr für uns auf sich nahm, als er seine herrliche Existenz verließ und seine Natur als Geistwesen eintauschte gegen die menschliche Natur und „Fleisch wurde”. Im ersten Fall blieb die geistige Natur ungeschmälert in ihrer Macht erhalten, und sie bediente sich nur einer Menschengestalt als Mittel zur Kontaktaufnahme, wobei der menschliche Körper und die Kleidung in einem Augenblick hergenommen wurden – und beides wurde ebenso schnell wieder aufgelöst. Das hat unser Herr offensichtlich getan, als er in dem Raum, dessen Türen geschlossen waren, erschien, und als er bei weiterhin geschlossenen Türen verschwand. Die hier zu Tage tretende Macht ist soweit entfernt von menschlicher Macht, daß uns der Vorgang unbegreiflich ist, so wie die Verwandlung von Wasser in Wein oder die Auferstehung selbst. Er kann nur im Glauben erfaßt werden, gegründet auf die beweiskräftigen Berichte von zuverlässigen Zeugen und rundum gestützt durch unsere Kenntnis über die göttliche Macht.

Daß dies der Wahrnehmung der Apostel entsprach, wird erkennbar aus der speziellen Art, wie sie über die jeweils kurzzeitige Anwesenheit des Herrn nach seiner Auferstehung berichten. Sie sagen: „er erschien”, „er zeigte sich”. Das ist nicht die übliche Ausdruckweise, noch sind es normale Gegebenheiten. Normalerweise sieht man anwesende Menschen, und es besteht keine Notwendigkeit, daß sie sich zeigen oder erscheinen. Die Jünger stellten auch fest und verstanden, daß dieses Erscheinen und Sich-Zeigen nur bei den Gläubigen geschah und nie in der Welt, was mit der Aussage des Herrn vor seinem Tod einhergeht: „Noch ein Kleines, und die Welt sieht mich nicht mehr.” – Johannes 14:19 Noch wird die Welt jemals den Mann Jesus Christus sehen. Während er noch die Bezeichnung „Sohn des Menschen” trägt als Zeichen seines Gehorsams dem Vater gegenüber und als Zeichen des Loskaufs der Menschheit, der auch sein Titel für die Herrlichkeit der göttlichen Natur ist, die er jetzt innehat als Belohnung für seinen Gehorsam bis zum Tod, ja zum Tod am Kreuz, hat ihn nun Gott hoch erhöht und ihm einen Namen gegeben, der über jedem Namen ist, daß in dem Namen Jesu jedes Knie sich beugen soll und jede Zunge ihn bekennen soll.

So mancher bringt die Dinge sehr durcheinander, der nicht sauber trennt zwischen Geistwesen und menschlichem Wesen und deren jeweilige Möglichkeiten zu handeln. Und sehr viele nehmen an, daß ein Geistwesen aus einem menschlichen Körper gemacht ist und so gewisse Elemente eines Menschen in sich haben muß. Sie übersehen, daß der Auferstehungskörper nicht der Körper des Verstorbenen ist, wie es der Apostel schlüssig beweist – 1. Korinther 15:37 und 38 -, noch werden jene, die das Reich erben, Körper aus Fleisch und Blut haben – 1. Korinther 15:50; Johannes 3:3, 5 und 8). Andere, die bemüht sind, eine falsche Theorie mit der Schrift in Übereinstimmung zu bringen, behaupten, daß der Körper eines Geistwesens ein Körper ist, in dem der Geist den Platz des Blutes einnimmt. (Meinen sie Luft?) Sie blenden aber aus, daß die zuvor beschriebenen Vorgänge dann nicht möglich wären. Ein Körper aus Fleisch und Bein mit Luft statt Blut in den Adern kann niemals in einen Raum gelangen, dessen Türen verschlossen sind, noch kann er unsichtbar werden, und auch seine Kleidung kann nicht in einen geschlossenen Raum kommen und dann wieder verschwinden. Die einzige schlüssige Erklärung dazu lesen wir in den Worten des Herrn: „… ein Geist hat nicht Fleisch und Bein” – Lukas 24:39 – wenngleich in der Vergangenheit Geistwesen mit Gottes Billigung und Erlaubnis für einen bestimmten Zweck Fleisch und Bein und Kleidung angenommen haben.

Zu den Versen 4 und 5: Hier wird unsere Aufmerksamkeit wieder auf die Tatsache gelenkt, daß die Gabe des Heiligen Geistes an die Kirche etwas Einzigartiges ist, völlig verschieden von vorausgehenden Malen, wo der Geist verliehen wurde, außer im Fall unseres Herrn selbst. Die Jünger sollten auf ihn warten, und sie warteten auch, zehn Tage lang von der Himmelfahrt des Herrn an, bis die Kraft des Geistes über sie kam. Sie warteten, während er als der große Hohenpriester in den Himmel auffuhr und dort vor Gott erschien und Gott für uns das Verdienst seines Opfers auf Golgatha übergab.

Zu den Versen 6 bis 8: Sie waren verwirrt und erstaunt angesichts der neuen Verhältnisse seit Christi Auferstehung. Ihre frühere klassisch-jüdische Vorstellung war die eines Königreiches auf Erden, wo Christus und sie, die Apostel, als Menschen oder auf irdischer Ebene in Herrlichkeit und Königsmacht vereint wären. Jetzt aber sehen sie ihren Meister wundersam verwandelt, und sie hören ihn wieder über sein Weggehen reden. Und er sagt nichts über das Reich, auf das sie wie alle aus dem „zwölfstämmigen Volk” – Apostelgeschichte 26:7 – warteten. So fragten sie ihn nach der Zeit von dessen Aufrichtung. In seiner Antwort leugnete er nicht, daß es ein Reich geben würde, aber er sagte zugleich ganz nüchtern, daß es nicht ihre Sache sei, die Zeit dafür zu erfahren. Als sie ihm vor seiner Kreuzigung eine ähnliche Frage gestellt hatten, war seine Antwort, er wisse es nicht. – Markus 13:4 und 32. Doch bei der hier besprochenen Gelegenheit antwortete er anders; wir müssen hier annehmen, daß er es wußte, denn er war aus dem Geist geboren und bezeugte selbst: „Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden.” – Matthäus 28:18 Das muß die ganze Erkenntnis umfaßt haben; aber er vorenthielt den Jüngern in deren eigenem Interesse dieses Wissen und sprach stattdessen zu ihnen von der Macht des zu ihnen kommenden Geistes und von der vorgesehenen Mission, zu der sie und die ganze Kirche bestimmt sind, und von dem Zeugnis, das sie vor der Aufrichtung seines Reiches der Welt geben sollten.

Zu den Versen 9 bis 11: Der Bericht über seine Himmelfahrt ist sehr einfach, und doch stolpern viele seltsamerweise über die Feststellung der Engel: „Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen worden ist, wird also kommen, wie ihr ihn habt hingehen sehen in den Himmel.” Obwohl es hieß „dieser Jesus”, denken viele, es sei der Mann Jesus Christus, und dieser komme wieder. Aber es geht um „diesen Jesus”, den Auferstandenen, den Jesus, den niemand aus der Welt gesehen hat, den Jesus, den in diesen vierzig Tagen nur die Jünger einige Male gesehen haben, und nur sie, als er „erschien” oder „sich zeigte”, den Jesus, der bei geschlossenen Türen in ihre Mitte trat, und der mehrmals wieder ihren Blicken entschwand (vgl. Luk.24:31): „Dieser Jesus” ist es, der „wiederkommen” wird.

Und wieder andere machen sich eine falsche Vorstellung von dem Ausdruck „wird kommen, wie”. Sie denken, damit sei Fleisch und Blut gemeint; aber es geht um die Art und Weise. Er fuhr auf ganz still, ohne Schau oder Aufsehen oder Lärm, im Verborgenen, soweit es die Welt betraf, und nur seine Jünger wußten davon. Wenn er daher auf die gleiche Weise wiederkommt, wird dies ebenfalls ohne Kenntnis und ungesehen von der Welt geschehen, ohne Lärm oder Schaustellung, wahrgenommen nur von Gläubigen.

Frage Q723:1 (Dasselbe reden)

Frage von 1902: „Es wird gebeten, die folgenden zwei Schriftstellen in Einklang zu bringen: „Ich ermahne euch aber, Brüder, durch den Namen unseres Herrn Jesus Christus, daß ihr alle dasselbe redet.” – 1. Korinther 1:10 und: „Denn es müssen auch Parteiungen unter euch sein, auf daß die Bewährten unter euch offenbar werden.” – 1. Korinther 11:19“

Antwort:

„Ich meine, in der ersten Stelle spricht der Apostel vom Idealzustand, für den wir kämpfen sollen, daß nämlich alle Treuen vom Volk des Herrn versuchen sollten, sich Christi Gesinnung zu erarbeiten. Wir sollen wissen, daß die niedergeschriebenen Gedanken einander nicht widersprechen. Wenn z. B. Brüder unterschiedliche Theorien haben, läuft etwas falsch, und mit etwas Falschem sollten wir nicht zufrieden sein. Es gibt nur einen richtigen Weg, und wir sollten um diesen Weg besorgt sein. Wenn wir alle Christi Gesinnung haben, ist dies für alle die gleiche Gesinnung. Und da Gott uns Sein Wort gegeben hat, geschah dies in dieser Absicht und dazu, daß jeder seine persönlichen Ansichten beiseite legt, sowie allerlei Besonderheiten und Neigungen des Denkens; jeder sollte diese Dinge weglassen und die Schrift hernehmen. Wenn man in einem Saal voll Leute die verschiedenen Köpfe anschaut, wird man auf viele verschiedene Denkweisen und Charaktere schließen, und man wird sagen, daß diese Leute zu irgend einem Thema unmöglich einer Meinung sein können. Dennoch wissen wir, daß wir alle in Gesinnung und Herzensneigung eines Sinnes sein können, denn, wie auch immer die Denkvorgänge im Gehirn des einzelnen ablaufen, hat doch jeder anerkannt, daß er über die Dinge der Wahrheit nichts und der Herr alles weiß, und wir greifen zu Seinem Wort. Jeder Bruder hat, genauso wie ich, dies für sich so gesehen. Auf dieser gemeinsamen Basis versammeln wir uns und studieren gemeinsam, und so sollten wir imstande sein, durch des Herrn Gnade, das Richtige zu tun. Das Denkvermögen jedes einzelnen von uns wird einen vernünftigen Einklang mit Gottes Wort herstellen können. Dies ist für alle wichtig, die kämpfen, bis ihr Leben zu Ende ist.

Wiederum ist es möglich, ja durchaus wahrscheinlich, daß im Volk des Herrn „reißende Wölfe” – Apostelgeschichte 20:29 – auftreten und es selbst dort bewerkstelligen, Geschwister hinter sich herzuziehen, die – wohl wie die „Wölfe” – geltungssüchtig und ehrgeizig sind. Wenn dem so ist, was steht uns dann bevor? Kann man unter diesen Bedingungen eines Sinnes, eines Herzens, einer Denkrichtung sein? Nein. Dann muß die Sache in Ordnung gebracht werden entweder durch eine Trennung oder durch eine klare Darstellung der falschen Lehren. Trennung wird ggf. stattfinden, denn es ist besser, daß Irrlehrer die Gemeinschaft verlassen.

In diesem Sinn sind die beiden Schriftstellen zu verstehen: Die eine zeigt den Idealzustand, und die andere zeigt die Anwendung in der Praxis. Manchmal stellen sich solche Dinge ein, und es ist Gottes Wille, daß daran gearbeitet wird und sich auch einmal eine allmähliche Trennung ergibt, damit die Wahrheitsinhalte, die lauter und dem Herrn gegenüber von Loyalität geprägt sind und von Ihm gutgeheißen werden, offenbar werden und von Falschem unterschieden werden können.”

Absaloms Rebellion

„Ehre deinen Vater und deine Mutter, auf daß deine Tage verlängert werden in dem Lande, das Jahwe, dein Gott dir gibt.” 2. Mose 20:12

Im 2. Samuel 15:1 – 12 lesen wir über die Rebellion Absaloms. In diesem Bericht über Absaloms Rebellion lassen sich etliche wichtige Lektionen für Aufmerksame finden. Als erstes beobachten wir bei Absalom die Sünde der Respektlosigkeit den Eltern gegenüber. Erfahrung und Weisheit in höherem Lebensalter sind, wenn man ihnen folgt, ein Schutzschild für die Jugend. Das trifft besonders auf Erfahrung und Weisheit von Eltern zu, deren Liebe immer bestrebt ist, diese Dinge zum Besten ihrer Söhne und Töchter einzusetzen, um sie vor den Gefahren des Lebens zu schützen, denen sie entweder durch Erfahrung oder durch Beobachtung begegnet sind. Ach Jugend!, die viel zu oft den auch von Gott vorgesehenen Schutzschild mißachtet, bis sie nach und nach den Unsinn dieses Tuns durch bittere Erfahrungen lernt. Das Hoffnungsfrohe der Jugend vergoldet herrlich die Zukunft; und mit glühendem Geist, ohne Disziplin und Zurückhaltung, ganz selbstbewußt stürzt sie sich in neue Projekte: Sie ist berauscht vom Erfolg ihrer Theorien, bis die glänzenden Aussichten vor den unausweichlichen strengen Realitäten des Lebens verblassen.

So war es mit Absalom, und das trifft auf alle Jugend zu, die Gottes Gebot: „Ehre deinen Vater und deine Mutter” und auch das Wort des Apostels mißachtet: „Kinder, seid euren Eltern gehorsam.” Die Pflicht, die Eltern zu ehren, geht aber noch weit über die Verpflichtung zum Gehorsam hinaus, die sich wesentlich auf die Kindheit bezieht und nicht auf ein späteres Lebensalter. Die Pflicht die Eltern zu ehren umfaßt das ganze Leben, von der Wiege bis zum Grab, und wenn ihnen schließlich die letzte Ehre erwiesen ist, sollten sie immer einen Ehrenplatz in der Erinnerung behalten. Nichts ist an der Jugend erfreulicher als Zuneigung und Respekt vor Älteren und besonders vor alten Leuten. „Vor grauem Haar sollst du aufstehen und die Person eines Greises ehren.” – 3. Mose 19:32

Wir beobachten bei Absalom die Sünde der Respektlosigkeit dem Gott seines Vaters gegenüber, eine Haltung, die nur das natürliche Resultat seines Mangels an Liebe und Vertrauen zu seinem Vater war. Er ignorierte völlig, daß das Königtum Gottes Königtum war, und daß der Herr auf den Thron setzte, wen er wollte, so daß sein unreifer Ehrgeiz nicht nur gegen seinen Vater David gerichtet war, sondern gegen Gott, der David zum König gesalbt hatte, und der auch verheißen hatte, seinen Thron zu festigen, seinen Nachfolger zu bestimmen und alle seine Feinde zu unterwerfen. Durch seine Rebellion glaubte der Eingebildete nicht nur seinen Vater David zu überlisten, sondern auch den allmächtigen Gott. Wie dumm und töricht! Was für ein gefährlicher Unfug! Und doch, haben nicht auch viele andere diese Verrücktheit begangen, und wenige aus dem Menschengeschlecht haben innegehalten und darüber nachgedacht, wie kraftlos der Arm des Fleisches ist, wenn er sich gegen den Allmächtigen richtet.

Wir sehen, wie eine politische Intrige die Herzen der Bevölkerung geraubt hat und Absaloms Sache eine Zeitlang gut gedeihen ließ, „Und die Verschwörung wurde stark und das Volk mehrte sich fort und fort bei Absalom.” – 2. Samuel 15:12 Aber jeder erfolgreiche Schritt in der Verschwörung brachte den jungen Mann näher an die Höhe, aus der er letztlich fallen mußte. So verhält es sich auch bei jedem vorübergehenden Erfolg, der Böses zum Ziel hat: Die eifrig angestrebte Erhöhung verleiht dem schließlichen Zusammenbruch erst seine Wucht. Aus diesem Blickwinkel ist es offensichtlich, daß die treueste Freundschaft zu einem Eigensinnigen entschiedene, kluge und wohlerwogene Gegnerschaft ist, die durch keine Schmeichelei oder politische List überwunden werden kann. Eine solche Freundschaft trifft selten auf Zustimmung – außer durch den, der die Herzen kennt -, obwohl sie manchmal den Sünder vor dem Irrtum seines Weges und einen Menschen vor dem Tode bewahrt. Für diesen Dienst ist große Nüchternheit, Geduld, Glauben, Hoffnung und Liebe erforderlich. Dies ist aller Bemühungen wert, um Mitbrüder des entstehenden Leibes Christi zu unterstützen, die jetzt den Prüfungen zum ewigen Leben standhalten müssen, und die den Preis der himmlischen Berufung anstreben, um nicht zu den wenigen zu gehören, die eigensinnig sind und Gottes Gnade zurückweisen.

Wir beobachten die Zunahme und das Voranschreiten des Bösen, wie also die Sünde des Undanks und der Schande einem Vater gegenüber Ehrgeiz und Trotz Gott gegenüber gezeitigt haben. Und wir sehen, daß dies zu einer politischen Intrige ohne Hemmungen, zu Schmeicheleien und Lügen geführt hat und schließlich zu einem vermessenen und verbrecherischen Plan, der dem König und Gott gegenüber einen Verrat darstellte. Bei all dem bewies Absalom jenen hochfliegenden Geist, der vor dem Fall kommt.

Wo wir Absaloms Weg und die Lektionen daraus für die Jugend nachzeichnen, findet sich auch ein weiser Fingerzeig für Eltern, den zu befolgen sie guttäten. Das Beispiel Davids in seinem Tun seinen Kindern gegenüber war nicht fehlerlos: Die Sünden seiner Jugend und seiner späteren Jahre zeítigten unerfreuliche Früchte. Er hatte nicht nur Gottes Gesetz verletzt durch Vielehen – 5. Mose 17:14 – 17 -, sondern auch dadurch, daß er heidnische Frauen geheiratet hatte. So war z. B. Absaloms Mutter die Tochter des heidnischen Königs Talmai, des Königs von Gesur in Syrien. Und die Kinder in polygamen Haushalten, die getrennt von ihrem Vater mit ihren vielen Müttern aufwuchsen, entbehrten natürlich seinen Einfluß und seine Betreuung, so daß Absalom unter dem Einfluß seiner heidnischen Mutter aufgezogen wurde und offensichtlich wenig Ehrfurcht und Achtung für den wahren Gott hatte.

Die Sünde Amnons, wegen der Absalom seinen Bruder erschlug, erfuhr die verdiente Strafe. Wie konnte aber David angesichts seiner eigenen Sünde mit der Frau von Urija zum Rächer werden? Ohne Zweifel machte ihm das Verbrechen Sorgen, er vergoß Tränen und stellte bittere Überlegungen über die Vergangenheit an, und er sah darin einen Teil seiner eigenen Schuld, aber in der Erinnerung an seine eigene Torheit konnte er den Angreifer nicht bestrafen.

Welche Beweggründe aus selbstsüchtigem Ehrgeiz oder persönlichem Haß sich auch mit seiner Empörung verbanden – Absalom hat durch die Tötung von Amnon das Verbrechen an seiner Schwester gerächt mit der einzig dem Gesetz entsprechenden Rache, denn auf diesem Verbrechen stand die Todesstrafe. Für David, der seine Kinder liebte, war das ein harter Schlag, und Absalom, der sein Verdikt fürchtete, floh zu seinem Großvater mütterlicherseits, wo er drei Jahre blieb und von wo ihn sein Vater nicht zurückrief. Dort stand er unter dem Einfluß jenes heidnischen Landes und war ohne Zweifel unruhig unter diesen ungünstigen Lebensumständen, wo ihn keine Anzeichen von einer etwa günstigen Wende seiner Angelegenheiten erreichten, und wo das Gefühl der Ungerechtigkeit an ihm nagte, da er durch die Rache für seine Schwester nur dem Buchstaben des Gesetzes gefolgt war. – 5. Mose 27:22 und 3. Mose 20:17 Er muß wohl über sein Pech gebrütet und alle Fehler und Schwächen seines Vaters aufgebläht haben; so ist es nicht verwunderlich, daß der Geist der Auflehnung in ihm immer stärker wurde. Auch weil er keine Kenntnis davon hatte, ob sein Vater sich überhaupt für ihn interessierte, wie konnte er etwas von dessen Sehnsucht nach ihm ahnen? Und als er nach drei Jahren in sein Land zurückkehren durfte, bekam er noch immer nicht die Erlaubnis, vor das Angesicht seines Vaters zu treten und wußte auch nichts von dessen ungebrochener Liebe während zwei weiterer Jahre.

Daher ist es nicht verwunderlich, daß sich durch die Erfahrung dieser fünf Jahre im Kopf von Absalom die Überzeugung festsetzte, daß ihn sein Vater nicht mehr liebte oder sein Tun beachtete. Diese Wahrnehmung ließ ihn nicht los, und so beschloß er im Trotz, seine Autorität als Königssohn einzusetzen, und in der Hitze seiner Jugend, dem Selbstbewußtsein als junger Mann und seinem Überlegenheitsgefühl und Ehrgeiz ging er leichtsinnig über die göttliche Autorität hinweg.

Davids Haltung seinem Sohn gegenüber war sein großer Fehler, den er erst verstand, als es zu spät war ihn zu korrigieren. Dieser Fehler vertiefte das Leid, das er dann weinend in der bitteren Klage ausdrückte: „Mein Sohn Absalom! Mein Sohn! Mein Sohn Absalom! wäre ich doch an deiner Statt gestorben! Absalom, mein Sohn, mein Sohn!” – 2. Samuel 19:1 Fünf Jahre lang hatte David der harten Seite seines Charakters erlaubt, seine zarteren Gefühle auszublenden. Und nicht nur das. Während der ganzen Zeit nahm er die Gelegenheiten, mit dem Einfluß des Herrn auf seinen Sohn einzuwirken, nicht wahr, und das zu einer Zeit, als Absalom diesen Einfluß am meisten gebraucht hätte, wo er stattdessen von den Einflüssen jenes heidnischen Landes umgeben war. Für seinen Groll hat David einen hohen Preis bezahlt, und im Licht der besten Interessen für seinen Sohn war es sicherlich eine schlechte Taktik. Wie oft jedoch wird Davids Fehler von Vätern nachgemacht! Viele scheinen die Versuchungen, Erprobungen und die Unerfahrenheit der Jugend zu vergessen und so gnädig, nachsichtig, zurückhaltend und aufmerksam auf die Interessen der Kinder zu sein. Eine freundliche, großzügige, selbstlose Haltung wird einen Sohn begleiten lange nachdem er aus der Kindheit ins Erwachsenenalter hinübergegangen ist, und in dieser Form wird der Ratschlag von Eltern Wirkung entfalten lange nachdem die elterliche Autorität geendet hat.

Es gibt vermutlich keine Zeit im Leben, die gefahrvoller ist, als die, wenn junge Vögel ihr angestammtes Nest verlassen und davonfliegen, um ihre eigenen Flügel auszuprobieren und ihr Glück zu schmieden. Wohl dem, der mit dem Segen von Vater und Mutter ziehen kann, wenn jede Zurückweisung und jedes Pech, das sie in einer harten und kalten Welt erleben, zu Hause Mitgefühl und Gebete und liebevolle Ermutigung erfahren, wenn das Haus der Eltern als ein Zufluchtsort für den Fall eines plötzlichen Unglücks empfunden wird, wenn die jungen Leute spüren, daß die Nachsicht dort die Erfahrung mit den harten Schlägen draußen abmildert! Daraus können sie Kraft schöpfen. Jener Vater handelt sicherlich nicht klug, der lange den eigenen Stolz oder steife Zurückhaltung an den Tag legt und etwa glaubt, damit etwas Gutes für seine Kinder zu tun.

Eltern sollten sich diese Lektionen zu Herzen nehmen, so daß die bittere Klage Davids über seinen Sohn, den Freundlichkeit, Nachsicht, liebevoller Rat und Mitgefühl vielleicht gerettet hätten, nicht ihre Klage ist. Wir wollen in jeder Beziehung des Lebens beachten, daß Liebe nicht nur vorhanden ist, sondern daß sie erkennbar und wirksam wird.

Davids Liebe für das Haus Gottes

„Glückselig, die da wohnen in deinem Hause! Stets werden sie dich loben.” Psalm 84:4

Nach der Darstellung der aufwühlenden Ereignisse, die in 1. Chronika 22:6 – 16 zu lesen sind, wurde David vom Volk gerufen, kehrte nach Jerusalem zurück und machte sich daran, nach dem allgemeinen Durcheinander, das Absalom im Volk angerichtet hatte, Ordnung zu schaffen. Zu dieser Zeit versuchte ein Thronräuber, zunächst erfolgreich, ihm den Rückweg abzuschneiden und sich selbst den Thron zu sichern; doch er wurde rasch ausgeschaltet, und David war wieder Herrscher im Reich, und mehrere Jahre Frieden und Fortschritt folgten.

Aber die Probleme des Königs hatten damit kein Ende: Wiederum kamen die Mißtöne aus seinem eigenen Haus, und die Erfahrungen mit Absalom schienen sich in gleicher Weise in der Revolte eines anderen Sohnes, Absaloms jüngerem Bruder Adonija, zu wiederholen, der sich einen Plan ausgedacht hatte und sich schlau vorbereitet hatte, den Thron an sich zu reißen und sich als Nachfolger Davids einzusetzen. – 1. Könige 1:1 – 53 Dieser Versuch der Machtübernahme und eigenmächtigen Einsetzung ins Amt führte dazu, daß Salomo sogleich gesalbt und zum Nachfolger proklamiert wurde. Gott hatte ihn nämlich als seine Wahl aus Davids Söhnen bezeichnet; er sollte auf dem Thron des Reiches sitzen. – 1. Chronika 22:9 und 10, 28:5 – 7 So wurde Salomo als König in Israel eingesetzt in der Wohnung seines Vaters David. – 1. Könige 1:34, 39 und 40 und 1. Chronika 29:22 – 25

David hatte damit fast seine ganze irdische Mission erfüllt. Er hatte ein bescheidenes Herrschaftsgebiet vorgefunden, und jetzt war es richtig ausgedehnt. Er hatte die Religion im Zustand relativer Bedeutungslosigkeit vorgefunden, und es war ihm gelungen, religiöses Leben, Hingabe und Eifer erheblich zu fördern und neu zu entfachen. Er hatte auf allen Seiten mächtige Feinde, deren Absicht es war, den Staat zu zerstören, doch er hatte alle Feinde unterworfen und seinem Volk eine Phase des Friedens beschert und es zu nie dagewesenem Wohlstand geführt. Und nicht nur das. Er hat die Grundlage gelegt für dauerhafte Einrichtungen des Gottesdienstes und die religiöse Gesundheit das Volkes, indem er für den Bau und den Dienst des Tempels Vorbereitungen traf. Diesen sollte nach Gottes Zusage sein Sohn und Nachfolger bauen. Das ganze Volk war durch sein Handeln zu Eifer und Enthusiasmus im Gottesdienst aufgewacht, so daß es wie ein Mann für den später Salomo zu leistenden Dienst im großen Werk bereitstand. Er hatte ein ereignisreiches und unruhiges Leben geführt, nicht ohne gravierende Fehler, und hatte Großes geleistet durch die Ordnung, die er nach Verworrenheit wieder hergestellt hatte, und durch Frieden und Wohlstand auf festem Fundament. Die Herrlichkeit von Salomos Regierung war das Ergebnis von Davids Mühen und Beschwernissen. Wohl durfte David den Tempel nicht selbst bauen, weil er ein Mann des Krieges war, doch dies stellte keinen Vorwurf an ihn dar wegen seiner Feldzüge, denn er hatte im Namen des Herrn und für sein Volk gehandelt und nicht aus gottlosem Ehrgeiz wie die weltlichen Kriegsherrn, die auf Beute und Ruhm aus sind.

Wenn man an den Bau des jüdischen Tempels als an einen nur technischen Vorgang denkt, wie an den Bau irgendeines anderen heidnischen oder christlichen Gotteshauses, mag es manchem erscheinen, als mache man unnötig viel Lärm darum. Wie seltsam, mag sich mancher sagen, daß es für notwendig erachtet wurde, daß der Staat befriedet war, ehe man den Bau in Angriff nehmen konnte! Warum hätte nicht ein Teil der Leute bauen und ein anderer Teil in den Schlachten kämpfen können? Und warum mußte es durchaus eine Angelegenheit des Königs sein? Gab es nicht im Israel genügend Architekten und Aufseher und Bauarbeiter, so daß man nicht den König damit belasten mußte?

Hier darf aber nicht außer Acht bleiben, daß der Bau des jüdischen Tempels nicht ein nur technischer Vorgang war, nur das Zusammensetzen von soundsoviel Steinen, Mörtel und Holz usw., sondern es ist Davids Standpunkt zu berücksichtigen, der, als er die Versammlung der Oberhäupter Israels beauftragte, beflissen mit Salomo an dem Werk zusammenzuarbeiten, sagte: „Salomo, mein Sohn, der einzige, den Gott erwählt hat, ist noch jung und zart, das Werk aber ist groß, denn nicht für einen Menschen ist dieser Palast, sondern für Jahwe Gott.” – 1. Chronika 29:1 Und dieses Heiligtum war nicht von Menschen entworfen: Die Pläne und Ausführungsdetails hatte David durch Gottes Geist erhalten: „Über dies alles, über alle Werke des Musters, sprach David, hat er mich durch Schrift unterwiesen, dadurch, daß die Hand Jahwes auf mir war.”

„Und David sprach zu seinem Sohn Salomo: Sei stark und mutig und handle; fürchte dich nicht und erschrick nicht! Denn Jahwe Gott, mein Gott, wird mit dir sein: er wird dich nicht versäumen und dich nicht verlassen, bis alles Werk zum Dienste des Hauses Jahwes vollendet ist; … und die Obersten und das ganze Volk <werden bereitwillig und geschickt> zu allen deinen Anordnungen <sein>.” – 1. Chronika 28:19 – 21

So war der Tempel ein Bauwerk, in dem sich in jeder Faser die Ehrfurcht Gott gegenüber und der Eifer des ganzen Volkes verkörperte, und das deshalb als Denkmal dieser Ergebenheit und dieses Eifers und als Zeugnis für kommende Generationen stehen sollte und diese Gesinnung dauerhaft in ihnen erwecken sollte. So betrachtet war das Werk in der Tat großartig; und da sich die ganze Bevölkerung dafür interessieren und jedermann daran mitwirken sollte, konnte es nur in einer Zeit des Friedens bewerkstelligt werden, wenn die Aufmerksamkeit der Leute nicht durch Kriege und deren Elend und Schrecken in Anspruch genommen ist. Zudem war es völlig richtig, daß der gesalbte und von Gott bestimmte König vor jedem anderen Menschen mit diesem bedeutenden Unternehmen befasst war, denn es war ein nationales Anliegen, und er stand als Haupt und Repräsentant an der Spitze des Staates.

Unter diesem Aspekt und auch im Hinblick auf die von Gott angeordnete Bedeutung des Tempels als Vorbild war es außerdem völlig angemessen, daß sich seine Schönheit, sein hoher materieller Wert und die ganzen Verzierungen, die Mühe, Sorgfalt und Opfer von Herz und Hand eines Gott ergebenen Volkes hervorbrachten, im Bauwerk widerspiegeln. Und das drückten Davids Worte aus: „ … und das Haus, das dem Jahwe zu erbauen ist, soll überaus groß werden, zum Namen und zum Ruhm in allen Ländern.” – 1. Chronika 22:5

In Davids Auftrag an seinen Sohn Salomo zum Bau des Tempels, um den es hier geht, erhaschen wir einen Schimmer von dem Mann, der nach langen Erfahrungen und durch Selbstbeherrschung zu einer reichen und abgeklärten Persönlichkeit geworden war. Jenseits von jedem Ehrgeiz steht jetzt sein Eifer für Gott im Vordergrund, und es ist ihm für Salomo ein Hauptanliegen, sein Sohn möge Gott treu sein, eifrig in seinem Dienst, und er möge so in Gottes Gunst bleiben. Dann bat er ihn, in dem großen vor ihm liegenden Werk stark und mutig zu sein, und versicherte ihm reichliches Wohlergehen und die Zuwendung Gottes, wenn er nur beständig die Gebote und Vorschriften befolgen würde, die Gott Mose für Israel aufgetragen hatte.

Jeder Christ im Dienste des Herrn wird diesen Rat für Salomo mit gleichem Recht für sich in Anpruch nehmen: „Sei stark und mutig.” Stärke und Mut sind notwendig für treuen Dienst und um mit Erfolg den guten Kampf des Glaubens zu kämpfen. Beides wird erlernt durch geduldiges Ausharren und Glauben an Gott in den vielfältigen Prüfungen, denen ein Christ ausgesetzt ist. Auch der Rat von Apostel Paulus stimmt mit dem von David an Solomo überein, wenn er sagt: „Übrigens, Brüder, seid stark im Herrn und in der Macht seiner Stärke.” und an anderer Stelle: „Wachet, stehet fest im Glauben; seid männlich, seid stark!” – Epheser 6:10, 1. Korinther 16:13

Das Gebet und die Danksagung Davids an Gott, die in 1. Chronika 29:10 – 19 niedergeschrieben ist, wo er für das Vorrecht gepriesen wird, daß David die Materialien für den Tempel beschaffen konnte, und wo demütig anerkannt wird, daß mit all ihren Gaben nur das an Gott zurückgegeben wird, was sein ist, wo seine Freude über die freiwilligen Schenkungen der Leute zum Ausdruck kommt, wo David betet, daß ihre Herzen ihm immer zugewandt bleiben und der Herr Salomo ein vollkommenes Herz geben möge, das ist eine sehr berührende Ansprache, voll von Ergebenheit, Sanftmut und heiligem Eifer. Möge jeder beim wiederholten Lesen jener berührenden Sätze durch sie erfrischt und belehrt werden. Die Worte haben das ganze Volk veranlaßt, mit Inbrunst den Herrn zu loben – 1. Chronika 22:20 -, und die leidenschaftliche Rede bewog den gesalbten Salomo ein zweites Mal, sich auf den Thron des Königreiches des Herrn zu setzen – 1. Chronika 22:22 und 23 -. Diese zweite Salbung war wie ein großes Amen des ganzen Volkes und eine Antwort auf die erste Salbung – 1. Könige 1:38 und 40 -, die im Vergleich dazu ohne Gepränge erfolgt war.

Psalm 84, aus dem der Leittext stammt, ist ein weiterer Ausdruck von Davids Ergebenheit und Eifer für den Dienst des Herrn. Während wir nun den vorbildlichen Tempel betrachten, der solch einen Enthusiasmus unter den Edlen des jüdischen Zeitalters entfachte, bringt uns dieser Gedanke dazu, mit großer Klarheit und Feuereifer den gegenbildlichen Tempel anzuschauen. Er ist der Tempel des lebendigen Gottes, dessen lebendige Steine in alle Ewigkeit den Lobpreis dessen verkörpern, der sie ausgehauen und poliert hat und sie zueinander passend geschliffen hat, bis daraus ein heiliger Tempel für den Herrn wurde, in dem ihm zu wohnen gefällt, und dessen Schlußstein Jesus Christus ist. – Epheser 2:19 – 22