Verlag und Bibelstudien-Vereinigung e. V.

Gleichnisse aus dem Lukas-Evangelium vom verlorenen Schaf, der verlorenen Münze und dem verlorenen Sohn

„So, sage ich euch, ist Freude vor Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.”

Die drei Gleichnisse, die wir in Lukas, Kapitel 15, finden, werden in keinem der anderen Evangelien berichtet. Dies vermindert für uns jedoch in keiner Weise ihre Wichtigkeit. Diese Gleichnisse richteten sich besonders an die Schriftgelehrten und Pharisäer, aber auch an den Umkreis der Zuhörer, der „Zöllner und Sünder”, die sich Jesus nahten. – Verse 1 – 3

Wie sie es schon bei vorangehenden Gelegenheiten getan hatten, so murrten auch hier die Pharisäer, weil Jesus mit Sündern Gemeinschaft hatte und sogar mit ihnen aß. Es war die Einstellung dieser gerühmten selbstgerechten jüdischen Lehrer und ihres Unmuts gegenüber der Tatsache, daß Jesus Interesse an den Zöllnern und Sündern zeigte, welche den Anlaß zu den drei Gleichnissen unserer Lektion geben. Von gleicher Wichtigkeit ist, daß Jesus mit diesen Gleichnissen auch lehrte, daß auf der Grundlage wahrer Buße Sünder die Gunst Seines Himmlischen Vaters erlangen konnten.

Das verlorene Schaf

In dem Gleichnis vom verlorenen Schaf wird von einem Hirten berichtet, der hundert Schafe besaß, von denen sich neunundneunzig in der sicheren Hürde befanden. Eines von ihnen hatte sich jedoch verirrt und war verlorengegangen. Das Gleichnis zeigt, daß der Hirte unter solchen Umständen die neunundneunzig Schafe verlassen und dem einen nachgehen wird, bis er es findet. – Vers 4

Es ist offensichtlich, daß sich diese Lektion als eine Zurechtweisung hinsichtlich ihrer Einstellung an die Schriftgelehrten und Pharisäer richtet. Diese religiösen Lehrer Israels betrachteten sich selbst als in Harmonie mit Gott und daher innerhalb der „Schafhürde” göttlicher Fürsorge. Für sie standen die Zöllner und Sünder außerhalb des Bereichs der göttlichen Segnungen, waren „verloren”. Sie taten jedoch wenig oder gar nichts, um sie zu finden und zurückzubringen und murrten gegen Jesus, als er Interesse an ihnen zeigte.

Bei einer anderen Gelegenheit und aus dem gleichen Grund stellten die Schriftgelehrten und Pharisäer die Bereitschaft Jesu infrage, mit Zöllnern und Sündern zu essen. Der Bericht sagt: „Und Jesus hörte es und spricht zu ihnen: Nicht die Starken brauchen einen Arzt, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.” – Markus 2:17 Die Sünder, die in dieser Lektion zur Buße aufgerufen werden, sind das verlorenen Schaf im Gleichnis.

Tatsächlich waren die Schriftgelehrten und Pharisäer ebenso sehr „verloren”, wie es die Zöllner und Sünder waren. Äußerlich bekundeten sie Heiligkeit, aber innerlich waren sie wie „Totengebein”, und sie waren heuchlerisch in den meisten ihrer Bekenntnisse. – Matthäus 23:16 – 33 Die Lektion des Gleichnisses bestand jedoch auf der Grundlage des Bekenntnisses dieser heuchlerischen Klasse und nicht nach dem, was sie tatsächlich waren. Sie beanspruchten die Hirten Israels zu sein, zeigten aber wenig Fürsorge für jene, die verlorengegangen waren, und sie verübelten es Jesus, daß er Interesse an diesen „verlorenen” Schafen zeigte.

Das Gleichnis setzt deutlich die göttliche Gesinnung gegenüber jenen fort, die in Sünde verloren und zum Tode verdammt sind. Jene Haltung bekundet Mitgefühl und der Liebe, die der sehr kostbare Schrifttext so wiedergibt: „Denn so hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.” – Johannes 3:16 Diese Liebe wurde uns erwiesen, „als wir noch Sünder waren”. – Römer 5:8 Paulus schrieb, „daß Jesus Christus in die Welt gekommen ist, Sünder zu erretten”. – 1. Timotheus 1:15

Da dies die liebevolle Einstellung unseres Himmlischen Vaters und Jesu gegenüber jenen ist, die noch nicht in der Hürde der göttlichen Fürsorge sind, so sollte dies auch unsere Einstellung sein. Wir sollten die Einstellung der Schriftgelehrten und Pharisäer meiden und uns selbst nützlich machen, den „Verlorenen” und Bedürftigen in der Welt, die um uns sind, beizustehen. Dies bedeutet nicht, daß wir das Interesse an unseren Geschwistern verlieren sollen, die sicher in der Hürde sind, um die Verlorenen zu suchen und ihnen zu helfen. Unsere Liebe sollte sich vielmehr über jene hinaus erstrecken, die uns lieben und mit denen wir eng zusammen sind. – Matthäus 5:46 – 48

Bei Anwendung der allgemeinen Lektion des Gleichnisses müssen wir nicht besonders auf das Zahlenverhältnis achtgeben, das zwischen jenen in der Hürde und dem einen verlorenen Schaf besteht, welches neunundneunzig zu eins betrug. Das Gegenteil hiervon trifft mehr auf die große Mehrheit der Menschen in allen Zeitaltern zu – sie sind nicht unter jenen gewesen, die sich in der sicheren Hürde göttlicher Fürsorge befunden haben. Innerhalb der Nation Israel waren zur Zeit des Herrn die Zöllner und Sünder jenen zahlenmäßig unterlegen, die ernstes Bemühen zeigten, Gott zu gefallen.

Bei der Bestimmung des Zahlenverhältnisses der bekennenden Gerechten gegenüber den Sündern konnte es jedoch in des Meisters Absicht gewesen sein, dieser Lektion einen größeren Nachdruck zu verleihen. Der Gedanke könnte sogar sein, wenn es zutreffen würde, daß es sich nur um „ein verlorenes Schaf” gehandelt hätte, jene, die den Herrn wirklich liebten und wünschten durch Seinen Geist der Liebe geleitet zu werden, nicht zufrieden sein konnten, bis jenes Schaf gefunden und in die Hürde zurückgebracht sein würde. Dies ist das Prinzip, das alle von des Herrn Volk leiten sollte.

Es gibt auch möglicherweise eine weitere Bedeutung des Gleichnisses, die auf der Tatsache beruht, daß die Nation Israel in vielen Beziehungen ein Vorbild von der ganzen Menschheit ist. Wir könnten denken, daß das „verlorene Schaf” Gottes die ganze menschliche Schöpfung darstellt, während die neunundneunzig Schafe, die nicht verlorengingen, die vielen Ordnungen der Schöpfung darstellen könnten, die in Harmonie mit Gott blieben. Unter diesen sind die heiligen Engel, „Fürstentümer und Mächte”, „Throne” und „Herrschaften” zu erwähnen. – Epheser 3:10 und Kolosser 1:16

Aus dieser Sicht würde Jesus der „gute Hirte” sein, der Repräsentant des Himmlischen Vaters, des noch größeren Hirten. – Johannes 10:11 und Psalm 23:1 Das Werk der Zurückführung des verlorenen Schafes begann zur Zeit des Ersten Kommens des Herrn. Hier verließ Jesus die neunundneunzig – die verschiedenen Ordnungen der himmlischen Mengen – und kam zur Erde, um das verlorene Schaf „zu suchen und zu retten”. – Lukas 19:10 Dies erforderte, daß er Fleisch wurde, und daß er sein Fleisch, sein Menschsein, im Opfer für die Sünden der Welt gab. – Hebräer 2:9 und 14, Johannes 1:14 und 6:51 Diese Phase der errettenden Mission Jesu ist schon durchgeführt worden. Das verlorene Schaf – das gefallene Adamische Geschlecht – ist sozusagen „gefunden” aber noch nicht in die Hürde der Gunst und Fürsorge des Schöpfers zurückgeführt worden.

Da der Mensch vollkommen erschaffen wurde, hatte er nicht nur die Gelegenheit ewig in dem, was ein weltweites Paradies werden sollte, zu leben, sondern es wurde ihm auch die Herrschaft über alle niedrigen irdischen Schöpfungen Gottes gegeben. – 1. Mose 1:27 und 28 Die Rückkehr des verlorenen Schafes in die Hürde beinhaltet die Wiederherstellung dieser Herrschaft, die aufgrund der Sünde verloren ging. Paulus schrieb: „Jetzt aber sehen wir ihm noch nicht alles unterworfen. Wir sehen aber Jesus, der ein wenig unter die Engel erniedrigt war, wegen des Todesleidens mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt, damit er durch Gottes Gnade für jeden den Tod schmeckte.” – Hebräer 2:8 und 9 Mit anderen Worten hat das Rettungswerk begonnen, und schließlich – am Ende des Messianischen Königreichs – wird das verlorene Schaf in die Hürde zurückgekehrt sein.

Dieses Werk der Errettung des sündenverfluchten und sterbenden Geschlechts vom Tod wurde durch den Tod Jesu als des Menschen Erlöser möglich gemacht. Paulus schrieb, daß „Gott in Christus war und die Welt mit sich selbst versöhnte,… und in uns das Wort der Versöhnung gelegt hat.” Daher sind wir „Gesandte an Christi statt”. – 2. Korinther 5:19 und 20 Die Nachfolger Jesu sind mit ihm in dem Werk der Aussöhnung gegenüber Gott verbunden. Während des Evangelium-Zeitalters sind diese in der Vorbereitung „Könige und Priester Gottes” zu werden, um während des kommenden Zeitalters an der Rückführung des „verlorenen Schafes” beteiligt zu sein. – Offenbarung 1:6

Das Gleichnis stellt fest, daß, als der Hirte heimkehrte, nachdem er das Schaf gerettet hatte, „er die Freunde und die Nachbarn zusammenruft und zu ihnen spricht: Freut euch mit mir! Denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war.” Zu dem fügte Jesus hinzu: „Ich sage euch: So wird Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, (mehr) als über neunundneunzig Gerechte, die die Buße nicht nötig haben.” – Lukas 15:6 und 7

Die Tatsache, daß Jesus über die Freude im Himmel spricht, die nach der Rückkehr des Hirten aufgrund der Ankündigung geschah, daß das verlorene Schaf zurückgekehrt sei, verleiht dem Gedanken Gewicht, daß das Gleichnis eine passende erweiterte Anwendung zuläßt, in der das ganze Menschengeschlecht als das verlorene Schaf und die neunundneunzig Schafe als die himmlische Heerschar zu bezeichnen sind. Sicherlich wird große Freude unter all den intelligenten Schöpfungen Gottes auf jeder Ebene der Existenz herrschen, wenn der sündige Mensch erlöst und mit dem Schöpfer in Einklang gebracht und zu der Hürde Seiner liebevollen Gunst und Fürsorge zurückgebracht worden ist.

Hierdurch werden wir auch daran erinnert, daß alle, die von dem Heiligen Geist Gottes erfüllt geleitet werden, notwendigerweise Schmerz empfinden, weil sie erkennen, daß es jene gibt, die durch die Sünde und ihre Auswirkungen von Ihm entfremdet sind. Wir können auch sicher sein, daß sogar jetzt, so oft ein Glied des Adamischen Geschlechts durch das „Wort der Erlösung” zur Buße geführt wird und sich völlig weiht den Willen Gottes zu tun, Freude im Himmel ist. Tatsächlich sollte auch bei solch einer Gelegenheit Freude unter allen des Volkes Gottes hier auf Erden sein.

Die verlorene Münze

Das Gleichnis von der verlorenen Münze ist in der Bedeutung dem Gleichnis von dem verlorenen Schaf ähnlich. Wenn wir die Einleitung zu jenen Gleichnissen miteinander vergleichen, wird tatsächlich offenbar, daß Jesus das eine mit dem anderen zu ergänzen beabsichtigte. – Lukas 15:4 und 8

Es war zu jener Zeit unter den jüdischen Frauen üblich, auf der Stirn eine Kette aus Münzen zu tragen. Diese mögen aus Gold oder aus Silber gewesen sein, und manchmal stellten sie ihre Mitgift dar. Daher war der Verlust einer dieser Münzen von größerer Bedeutung, als nur der, der ihren Eigenwert dargestellte.

Die Suche nach der Münze würde beinhalten, daß anstatt nach etwas von geringerer Bedeutung gesucht wurde, das Verlorengegangene als ein Verlust von großer Tragweite angesehen wurde. Die Nachbarn, die als erste von dem Verlust und dann von dem Wiederfinden erfuhren, freuten sich sehr mit der Frau, welche die Münze verloren hatte. Jesus schlußfolgert in seinem Gleichnis, daß es eine andere Darstellung der Freude im Himmel über einen Sünder ist, der bereut. – Lukas 15:8 und 9

Deweiteren ist das Prinzip der Anteilnahme und Beachtung für jene, die Hilfe brauchen, beeindruckend, wenn wir das Gleichnis erweiternd auslegen und auf die Wiederherstellung des Menschengeschlechts von Sünde und Tod anwenden. Selbst ein einziges menschliches Leben ist für unseren Himmlischen Vater von großem Wert und sollte es auch für uns sein. Es ist wichtig, daß wir dieses Interesse an anderen in unserem täglichen Leben bekunden.

Wir sollten uns diesbezüglich selbst prüfen und uns verschiedene Fragen hinsichlich unseres täglichen Handelns mit den Menschen stellen. Wie offenbaren wir gegenüber unseren Mitmenschen Gottes Geist der Liebe? Was tun wir Tag für Tag, das unser bekundetes Interesse an der Menschheit im allgemeinen beweist? Wie zeigen wir unser Interesse für Nachbarn, Mitarbeiter, Freunde und Familie? Wieviel tun wir, um anderen zu helfen, die ernsthaft versuchen ihren Weg zu Gott zurückzufinden? Wieviel opfern wir von unserer Zeit und Energie, um jene zu suchen und zu finden, die ein „verlorenes Schaf” oder ein „verlorene Münze” sein mögen?

Wir wissen selbstverständlich, daß diese Zeit in Gottes Plan nicht die Zeit zur Wiederherstellung der Menschheit als ein Ganzes von Sünde und Tod ist. Wenn wir jedoch mit Jesus in jenem großen zukünftigen Wiederherstellungswerk verbunden sein wollen, ist es wichtig, daß wir jetzt unseren Eifer durch den Geist der Liebe zeigen, welcher die Grundlage des großen Königreichswerk sein wird. Dies können wir nur durch Fleiß erreichen ohne auf die Kosten zu achten, die es es auch immer beinhalten mag, indem wir alles tun, was jene, die um uns herum sind, segnen kann. Wir sollten uns glücklich schätzen, alle, die ein hörendes Ohr gegenüber der Erkenntnis Gottes und Seiner liebenden Vorkehrung zeigen, vorzubereiten, alle durch den guten Hirten in die Hürde Seiner gnadenreichen Fürsorge zurückzuführen.

Der verschwenderische Sohn

Das dritte Gleichnis Jesu von dem in Lukas, Kapitel 15, berichtet wird, ist eine interessante Geschichte; und sie könnte sich während der vielen Jahrhunderte gut in der Erfahrung mancher Menschen als wahr erwiesen haben. Ein bestimmter Mann, anscheinend reich, hatte zwei Söhne, die nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge des Vaters Besitz erben würden. Der jüngste von diesen zwei Söhnen sagte zu seinem Vater: „Vater, gib mir den Teil des Vermögens, der mir zufällt.” Der Vater entsprach der Bitte des Sohnes und kurze Zeit später „brachte der jüngere Sohn alles zusammen und reiste weg in ein fernes Land, und dort vergeudete er sein Vermögen, indem er verschwenderisch lebte.” – Verse 12 und 13

Es kam nicht überraschend, wie das Gleichnis fortfährt, daß letztlich Schwierigkeiten entstanden. „Als er aber alles verzehrt hatte, kam eine gewaltige Hungersnot über jenes Land, und er selbst fing an, Mangel zu leiden. Und er ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes, der schickte ihn auf seine Äcker, Schweine zu hüten.” – Verse 14 und 15 Dies war jedoch sehr unbefriedigend. „Und er begehrte seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Schweine fraßen; und niemand gab ihm.” – Vers 16

In dieser erniedrigenden Situation schrecklicher Not „ging er in sich”, indem er erkannte, daß er sehr töricht gehandelt hatte, und er bereute. Er dachte über die gegensätzliche Situation in seinem Vaterhaus nach, wo selbst die gedungenen Tagelöhner seines Vaters genug zu essen hatten. – Lukas 15:17 Er hielt sich selbst nun nicht mehr für würdig ein Sohn genannt zu werden; und er dachte, daß es besser für ihn wäre, zu seinem Vater zurückzukehren, um einer seiner Tagelöhner zu werden. Mit dieser Einstellung der Erniedrigung sagte der jüngere Sohn: „Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und will zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir, ich bin nicht mehr würdig, dein Sohn zu heißen! Mach mich wie einen deiner Tagelöhner!” – Verse 18 – 21 So führte er seine Absicht aus, und als er zu Hause ankam, bot er sich seinem Vater als ein Tagelöhner an.

Dann folgt die wichtige Lektion des Gleichnisses. Der Vater vergab seinem Sohn und holte ihn in seine Familie zurück. Tatsächlich wurde ein Fest veranstaltet, um das Ereignis der Rückkehr des verschwenderichen Sohnes mit der Schlachtung eines fetten Kalbes gebührend zu feiern. – Vers 23

Als der älteste Sohn vom Feld kam, hatte das Fest bereits begonnen; und als er begriff, was da vor sich ging, war er völlig unzufrieden. Der älteste Sohn lehnte es ab, an der Feierlichkeit teilzunehmen. Er beklagte sich bei seinem Vater darüber, daß dieser für ihn nie ein Fest ausgerichtet hatte, obgleich er ihm die Jahre hindurch treu diente, während sein Bruder sein Leben vergeudet hatte. Für ihn war niemals ein „fettes Kalb” geschlachtet und ihm niemals eine Gelegenheit gegeben worden mit seinen Freunden fröhlich zu feiern. – Verse 28 – 30

Dieses Gleichnis illustriert sehr passend die Sünde der Eifersucht im Zusammenhang mit einer Angelegenheit, die nicht weniger wichtig ist als das Leben selbst. Im Gegensatz zu dem ältesten Sohn, der sich eifersüchtig zeigte, weil die Gunst des Vaters zu seinem jüngeren Bruder zurückkehrte, schaute der Vater auf die Heimkehr seines eigensinnigen Sohnes, als ob er ihn aus den Toten zurückempfangen hätte. – Vers 24 Seine Sünde hatte die Liebe des Vaters für ihn nicht zerstört. Tatsächlich schien der Vater für ihn eine noch größere Liebe zu empfinden als vorher, als dieser verloren gegangen war.

Es ist wichtig zu bemerken, daß der verschwenderische Sohn sein schlechtes Verhalten bereut hatte und in Demut zu seinem Vater zurückkehrt war, indem er nicht einmal darum bat, als Sohn wieder angenommen zu werden, sondern, daß er nur einer seiner Tagelöhner werden wollte. Hier finden wir ein wichtiges Prinzip des Handelns Gottes mit all Seinen intelligenten Schöpfungen, ob es sich nun um Engel oder Menschen, Juden oder Heiden, Pharisäer oder Zöllner handelt. Um Gottes Vergebung zu erlangen sind demütige Einsicht von Fehlern und wahre Herzensreue unerläßlich.

Seine Liebe gegenüber dem sündenbeladenen und vom Satan verblendeten Menschengeschlecht veranlaßte Ihn Seinen geliebten Sohn zu senden, um der Erlöser und Erretter des Menschen zu sein. Als Einzelperson erhält jedoch niemand irgendeine dauerhafte Wohltat aus diesem, ausgenommen auf der Grundlage der Buße und demütigen Weihung, den Willen des Vaters zu tun.

Diese Tatsache zeigt uns, daß es bei einer Rückkehr eines Sünders zu Gott zwei Aspekte gibt. Es gibt Gottes Teil in der Vorsehung des erlösenden Blutes und des Sünders Teil in der Buße und Weihung. Was die Schriftgelehrten betrifft, an die sich das Gleichnis richtete, so waren sie dem älteren Sohn sehr ähnlich, der dachte, daß er auf Grund seiner höheren Lebensweise ein Recht auf besondere Beachtung habe. In dem Gleichnis wird nichts gesagt, das anzeigt, daß der ältere Sohn heuchlerisch gewesen wäre, obwohl Jesus die Schriftgelehrten und Pharisäer bei anderen Gelegenheiten der Heuchelei bezichtigt hatte. Anscheinend wollte der Meister uns zu verstehen geben, daß selbst jene, die Gott ernsthaft dienen und nach dem Besten ihrer Fähigkeit danach streben, gerecht zu sein, kein Recht besitzen, eifersüchtig zu sein, wenn Sünder bereuen und mit Freuden in die Gunst des Herrn aufgenommen werden.

Andererseits mag die Lektion auch darin bestehen, daß abgesehen davon, wie äußerlich gerecht jemand auch erscheinen mag, die Einstellung des älteren Bruders in dem Gleichnis eine unreine Herzenshaltung anzeigte. Sie offenbart sicherlich einen Mangel an treuer Gottähnlichkeit. Unser Himmlischer Vater ist bereit, alle anzunehmen, die in Demut und wahrer Reue zu Ihm zurückkehren. Dies wird bei einer anderen Gelegenheit in dem kurzen Gleichnis Jesu über das Verhalten eines Pharisäers und eines Zöllners dargestellt, die zum Tempel hinaufgingen, um zu beten. Der Pharisäer dankte Gott, daß er nicht anderen verdorbenen Menschen ähnlich sei, besonders dem Zöllner. Der Zöllner schlug jedoch an seine Brust und bat Gott barmherzig mit ihm, einem Sünder, zu sein. Dieser ging gerechtfertigt von dannen, der Pharisäer aber nicht. – Lukas 18:10 – 14

Jesus sagte zu den Schriftgelehrten und Pharisäern: „Wehe aber euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler! Denn ihr verschließt das Reich der Himmel vor den Menschen; denn ihr geht nicht hinein; und die, die hineingehen wollen, laßt ihr (auch) nicht hineingehen.” „Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler! Denn ihr verzehntet die Minze und den Anis und den Kümmel und habt die wichtigeren Dinge des Gesetzes beiseite gelassen: das Recht und die Barmherzigkeit und den Glauben; diese hättet ihr tun und jene nicht lassen sollen.” – Matthäus 23:13 und 23

Vom inhaltlichen Zutreffen dieser Anklage ausgehend ist es einleuchtend, daß die Schriftgelehrten und Pharisäer nur wenig oder kein Mitgefühl für jene empfanden, die sie als im Widerspruch mit ihren eigenen Normen der Heiligkeit betrachteten. Sie ließen in ihren Ansichten und in ihrer Haltung der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit auf der Grundlage wahren Glaubens in die göttlichen Vorkehrungen wenig Raum.

Im Gleichnis von dem verschwenderischen Sohn, sagte der Vater, daß er ihn aus den Toten zurückbekommen habe. – Lukas 15:24 Für ihn war es so, als ob der junge Mann tatsächlicht tot gewesen wäre. Wir können sicherlich die Herzensfreude und das Mitgefühl dieses liebenden Vaters verstehen, als er seinen Sohn sah „als er noch fern war”, und auf ihn zukam. – Vers 20

Traurigerweise werden selbst heute des Vaters Gefühle von vielen nicht geteilt. Die meisten sind nicht willens zu glauben, daß Sünder, die in den Tod gegangen sind, zum Leben wiederhergestellt oder möglicherweise irgendeine Beachtung vom Himmlischen Vater erfahren könnten. Wie dankbar sind wir, erkannt zu haben, daß die Liebe Gottes über das Maß vieler menschlicher Gedanken hinausgeht, die durch irrige Ansichten über Ihn verwirrt worden sind.

Die wichtige Lektion des Gleichnisses besteht für uns darin, daß wir eine mitfühlende und liebevolle Haltung gegenüber der Menschheit aufrechterhalten sollen. Wir sollten uns auch über jeden Beweis der Reue und des Bemühens gefallener Menschen freuen, aufrechter in den Wegen des Herrn zu wandeln. Unsere Einstellung gegenüber solchen, die ihr falsches Handeln bereuen, sollte vielmehr auf dem beruhen, was sie heute zeigen, als ihrem irrigen Handeln von gestern. Nur so werden wir unserem liebenden und barmherzigen Himmlischen Vater ähnlich sein.

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