Verlag und Bibelstudien-Vereinigung e. V.

Christi Himmelfahrt

„Und es geschah, indem er sie segnete, schied er von ihnen und wurde hinaufgetragen in den Himmel.“ Lukas 24:51

Der Verfasser unseres Leittextes, der Evangelist Lukas, verweist uns hier auf die Apostelgeschichte, Kapitel 1, Verse 1 – 14, und stellt zum Evangelium die Verbindung her.

Die beiden Verse 2 und 3 umreißen die vierzig Tage, in denen der Herr nach seiner Auferstehung und vor seiner Himmelfahrt bei den Jüngern war. In dieser Zeit war es dem Herrn ein großes Anliegen, die Jünger über den geistigen Charakter seines zu errichtenden Reiches und auch darüber aufzuklären, daß sein Leiden als Vorstufe zu der darauffolgenden Herrlichkeit notwendig war. Seine Erklärungen zur Schrift, wie er sie z. B. den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus gab, stellten nur einen Teil seiner Aufklärung dar; ein weiterer und, wie wir annehmen können, wichtigerer Teil wurde ihnen anschaulich durch sein Verhalten vermittelt. Er wollte zwei Dinge unter Beweis stellen:

  1. daß er, den sie als gekreuzigt und begraben erlebt hatten, von den Toten auferstanden und ins Leben zurückgekommen ist.
  2. daß er, wenngleich lebendig und als Person identisch und als das ihnen bekannte Individuum jetzt einen ganz anderen Zustand verkörperte; daß er nicht mehr der Mann Jesus Christus war, der sich „gab als Lösegeld”, sondern daß er, nachdem er dieses Werk vollendet hatte, für dessen Erfüllung er die Gestalt und Natur eines Knechtes angenommen hatte, auf einer höheren, geistigen Ebene lebendig gemacht worden war, die er mehr als dreiunddreißig Jahre zuvor verlassen hatte, um die Menschheit zu erlösen.

Da die Apostel natürliche Menschen waren, denen das Geschenk des Heiligen Geistes noch nicht zuteil geworden war, waren sie damals noch nicht imstande, geistige Dinge zu begreifen. – Johannes 3:12

Daher war es nötig, Beweise für Geistiges zu erbringen (nämlich daß Christus als Geistwesen von den Toten auferweckt worden war), anhand derer im Menschlichen verhaftete Personen die Vorgänge verstehen konnten. Zum Erreichen dieses Zwecks hätte es nicht genützt, und es hätte für die Jünger nicht einen hinreichenden Beweis seiner Auferstehung ausgemacht, wenn er ihnen so erschienen wäre wie später Saulus von Tarsus, nämlich in der Glorie eines Geistwesens, in einem „Licht, das den Glanz der Sonne übertraf”. – Apostelgeschichte 26:13 Letzteres war eine wertvolle Lektion für den Apostel Paulus und für alle Apostel; hier aber war das verbindende Element vonnöten zwischen dem auferstandenen und verherrlichten Jesus und dem Mann Jesus, und für solche verbindenden Elemente wurde in den vierzig Tagen vor der Himmelfahrt gesorgt. Zu diesem Zweck erschien unser Herr den Jüngern als normale Gestalt aus Fleisch und Blut und zweimal als Gestalt wie die des Gekreuzigten mit den Wundmalen, den sie gesehen hatten. So stellte er für ihren Verstand die Verbindung zwischen dem gekreuzigten Mann Jesus und dem auferstandenen Geistwesen Jesus her.

Das zweite Element dieser Lektion bestand darin, daß diese Erscheinungen relativ selten vorkamen: Den Berichten nach erschien ihnen der Herr höchstens zehn Mal, und seine Gespräche mit ihnen waren dem Anschein nach sehr kurz, so daß wir sicher recht gehen in der Annahme, daß er in den ganzen vierzig Tagen nicht mehr als vier Stunden insgesamt für die Jünger sichtbar war, was sehr wahrscheinlich nicht mehr als höchsten eine halbe Stunde Gesprächszeit bei jedem der fünf von zehn überlieferten Gesprächen ausmacht. Wo war er in der übrigen Zeit?, werden sie sich natürlich gefragt haben. Warum hielt er sich nicht ständig wie vor seiner Kreuzigung bei ihnen auf? Und genau das war Bestandteil ihrer Lektion, nämlich Nachdenken und Überlegung in ihnen anzuregen und in ihnen das Verständnis zu wecken, daß eine große Verwandlung in dem Zeitraum zwischen seiner Kreuzigung und seinem ersten Erscheinen bei ihnen am Morgen seiner Auferstehung stattgefunden hatte. Wir können versuchen, uns ihr Nachsinnen über die Vorgänge in diesen vierzig Tagen, ihre Diskussionen pro und contra, ihre Erwartung, wann der Herr das nächste Mal erscheinen würde, und zu welchem Ergebnis das Ganze führen würde, vorzustellen.

Das dritte Element ihrer Lektion betraf die Art und die Ausprägung seines gelegentlichen Erscheinens: Das eine Mal erschien er Maria als Gärtner; sie sah keine Nägelmale an seinen Händen oder Füßen, und dabei hatte sie die Füße umfaßt. Und als Mitwanderer und Gast erschien er in wieder anderer Gestalt in Emmaus, wo die Jünger, mit denen er am Tisch saß, ihn nicht erkannten und nichts Besonderes an seinen Händen und Füßen bemerkten. Sie erkannten ihn erst, als er den Segen über die Mahlzeit sprach. Ein anderes Mal erschien er Petrus, Jakobus und Johannes wieder in anderer Gestalt; sie erkannten ihn durch das Wunder. Der Evangelist sagt über ihn: „Keiner von den Jüngern wagte ihn zu fragen: Wer bist du? Da sie wußten, daß es der Herr sei.” – Johannes 21:12 Sie wußten es nicht etwa durch die Nägelmale, sondern durch sein Wesen und durch den wundersamen Fischzug nach jener Nacht, als sie nichts gefangen hatten. Bei zwei Gelegenheiten erschien er in einem Körper wie dem des Gekreuzigten mit den Nägelmalen und der Speerwunde; dabei war der ungläubige Thomas einmal anwesend und einmal nicht. Diese unterschiedlichen Verkörperungen in verschiedenen Situationen und an verschiedenen Orten, völlig anders als sein früheres Verhalten zu ihnen, zielten darauf ab, ihnen klar zu machen, daß er „verwandelt” war, daß er kein Wesen aus Fleisch und Blut mehr war, nicht mehr der „Mann Jesus Christus”, der „Fleischgewordene”, ein in Fortbewegung, Sichtbarkeit usw. auf die irdischen Gegebenheiten beschränktes Wesen, sondern daß er nun lebendig war, doch so anders, daß er erscheinen und verschwinden konnte, diesen oder jenen Körper annehmen und nach Belieben die eine oder eine andere Kleidung tragen konnte.

Die vierte Lektion, die sich aus dem Beobachten seiner Erscheinungen ergeben sollte, bestand darin, daß er plötzlich, nicht vorhersehbar, auf geheimnisvolle Weise erschien und wieder verschwand. So hatte sich der Herr zu den beiden auf dem Weg nach Emmaus eingefunden, und sie wußten nicht woher er kam; und dann, nachdem er ihnen soviel an Erläuterungen gegeben hatte, als sie aufzufassen imstande waren, „wurde er ihnen unsichtbar”. Am selben Abend erschien er an einem anderen Ort unvermittelt den Zehn, wo die Türen aus Angst vor den Juden geschlossen und sicherlich fest verriegelt waren. Er brauchte die Riegel nicht aufzuschieben und die Tür nicht aufzumachen, wie es der „Mann Jesus” hätte machen müssen; als Geistwesen konnte Jesus so handeln und tat es auch, wie er es vorher Nikodemus in Anwesenheit der Jünger erklärt hatte, aufgezeichnet in der Schriftstelle Johannes 3:5. Er kam und ging wie der Wind; niemand konnte sagen, woher er kam; und als er sie wieder verließ, entschwand er aus ihren Augen, und keiner konnte sagen, wohin er ging. Dies trifft auf jeden zu, der aus dem Geist geboren ist. Nicht verwunderlich, daß die Jünger zunächst erstaunt und furchtsam waren, und daß unser Herr sie überzeugen mußte, daß sie nicht einem Geist gegenüberstanden, sondern einer Person aus ganz normalem Fleisch und Blut, vor der sie keine Angst zu haben brauchten. Er versicherte ihnen, daß er kein Geist ist: „… Vater Abraham erschienen in einem Körper aus Fleisch und Knochen, als er mit ihm aß und trank. – 1. Mose 18:1 Wir müssen den großen Unterschied beachten zwischen der Fähigkeit eines Geistwesens, das in einem Körper aus Fleisch erscheinen kann, und der großen Erniedrigung, die unser Herr für uns auf sich nahm, als er seine herrliche Existenz verließ und seine Natur als Geistwesen eintauschte gegen die menschliche Natur und „Fleisch wurde”. Im ersten Fall blieb die geistige Natur ungeschmälert in ihrer Macht erhalten, und sie bediente sich nur einer Menschengestalt als Mittel zur Kontaktaufnahme, wobei der menschliche Körper und die Kleidung in einem Augenblick hergenommen wurden – und beides wurde ebenso schnell wieder aufgelöst. Das hat unser Herr offensichtlich getan, als er in dem Raum, dessen Türen geschlossen waren, erschien, und als er bei weiterhin geschlossenen Türen verschwand. Die hier zu Tage tretende Macht ist soweit entfernt von menschlicher Macht, daß uns der Vorgang unbegreiflich ist, so wie die Verwandlung von Wasser in Wein oder die Auferstehung selbst. Er kann nur im Glauben erfaßt werden, gegründet auf die beweiskräftigen Berichte von zuverlässigen Zeugen und rundum gestützt durch unsere Kenntnis über die göttliche Macht.

Daß dies der Wahrnehmung der Apostel entsprach, wird erkennbar aus der speziellen Art, wie sie über die jeweils kurzzeitige Anwesenheit des Herrn nach seiner Auferstehung berichten. Sie sagen: „er erschien”, „er zeigte sich”. Das ist nicht die übliche Ausdruckweise, noch sind es normale Gegebenheiten. Normalerweise sieht man anwesende Menschen, und es besteht keine Notwendigkeit, daß sie sich zeigen oder erscheinen. Die Jünger stellten auch fest und verstanden, daß dieses Erscheinen und Sich-Zeigen nur bei den Gläubigen geschah und nie in der Welt, was mit der Aussage des Herrn vor seinem Tod einhergeht: „Noch ein Kleines, und die Welt sieht mich nicht mehr.” – Johannes 14:19 Noch wird die Welt jemals den Mann Jesus Christus sehen. Während er noch die Bezeichnung „Sohn des Menschen” trägt als Zeichen seines Gehorsams dem Vater gegenüber und als Zeichen des Loskaufs der Menschheit, der auch sein Titel für die Herrlichkeit der göttlichen Natur ist, die er jetzt innehat als Belohnung für seinen Gehorsam bis zum Tod, ja zum Tod am Kreuz, hat ihn nun Gott hoch erhöht und ihm einen Namen gegeben, der über jedem Namen ist, daß in dem Namen Jesu jedes Knie sich beugen soll und jede Zunge ihn bekennen soll.

So mancher bringt die Dinge sehr durcheinander, der nicht sauber trennt zwischen Geistwesen und menschlichem Wesen und deren jeweilige Möglichkeiten zu handeln. Und sehr viele nehmen an, daß ein Geistwesen aus einem menschlichen Körper gemacht ist und so gewisse Elemente eines Menschen in sich haben muß. Sie übersehen, daß der Auferstehungskörper nicht der Körper des Verstorbenen ist, wie es der Apostel schlüssig beweist – 1. Korinther 15:37 und 38 -, noch werden jene, die das Reich erben, Körper aus Fleisch und Blut haben – 1. Korinther 15:50; Johannes 3:3, 5 und 8). Andere, die bemüht sind, eine falsche Theorie mit der Schrift in Übereinstimmung zu bringen, behaupten, daß der Körper eines Geistwesens ein Körper ist, in dem der Geist den Platz des Blutes einnimmt. (Meinen sie Luft?) Sie blenden aber aus, daß die zuvor beschriebenen Vorgänge dann nicht möglich wären. Ein Körper aus Fleisch und Bein mit Luft statt Blut in den Adern kann niemals in einen Raum gelangen, dessen Türen verschlossen sind, noch kann er unsichtbar werden, und auch seine Kleidung kann nicht in einen geschlossenen Raum kommen und dann wieder verschwinden. Die einzige schlüssige Erklärung dazu lesen wir in den Worten des Herrn: „… ein Geist hat nicht Fleisch und Bein” – Lukas 24:39 – wenngleich in der Vergangenheit Geistwesen mit Gottes Billigung und Erlaubnis für einen bestimmten Zweck Fleisch und Bein und Kleidung angenommen haben.

Zu den Versen 4 und 5: Hier wird unsere Aufmerksamkeit wieder auf die Tatsache gelenkt, daß die Gabe des Heiligen Geistes an die Kirche etwas Einzigartiges ist, völlig verschieden von vorausgehenden Malen, wo der Geist verliehen wurde, außer im Fall unseres Herrn selbst. Die Jünger sollten auf ihn warten, und sie warteten auch, zehn Tage lang von der Himmelfahrt des Herrn an, bis die Kraft des Geistes über sie kam. Sie warteten, während er als der große Hohenpriester in den Himmel auffuhr und dort vor Gott erschien und Gott für uns das Verdienst seines Opfers auf Golgatha übergab.

Zu den Versen 6 bis 8: Sie waren verwirrt und erstaunt angesichts der neuen Verhältnisse seit Christi Auferstehung. Ihre frühere klassisch-jüdische Vorstellung war die eines Königreiches auf Erden, wo Christus und sie, die Apostel, als Menschen oder auf irdischer Ebene in Herrlichkeit und Königsmacht vereint wären. Jetzt aber sehen sie ihren Meister wundersam verwandelt, und sie hören ihn wieder über sein Weggehen reden. Und er sagt nichts über das Reich, auf das sie wie alle aus dem „zwölfstämmigen Volk” – Apostelgeschichte 26:7 – warteten. So fragten sie ihn nach der Zeit von dessen Aufrichtung. In seiner Antwort leugnete er nicht, daß es ein Reich geben würde, aber er sagte zugleich ganz nüchtern, daß es nicht ihre Sache sei, die Zeit dafür zu erfahren. Als sie ihm vor seiner Kreuzigung eine ähnliche Frage gestellt hatten, war seine Antwort, er wisse es nicht. – Markus 13:4 und 32. Doch bei der hier besprochenen Gelegenheit antwortete er anders; wir müssen hier annehmen, daß er es wußte, denn er war aus dem Geist geboren und bezeugte selbst: „Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden.” – Matthäus 28:18 Das muß die ganze Erkenntnis umfaßt haben; aber er vorenthielt den Jüngern in deren eigenem Interesse dieses Wissen und sprach stattdessen zu ihnen von der Macht des zu ihnen kommenden Geistes und von der vorgesehenen Mission, zu der sie und die ganze Kirche bestimmt sind, und von dem Zeugnis, das sie vor der Aufrichtung seines Reiches der Welt geben sollten.

Zu den Versen 9 bis 11: Der Bericht über seine Himmelfahrt ist sehr einfach, und doch stolpern viele seltsamerweise über die Feststellung der Engel: „Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen worden ist, wird also kommen, wie ihr ihn habt hingehen sehen in den Himmel.” Obwohl es hieß „dieser Jesus”, denken viele, es sei der Mann Jesus Christus, und dieser komme wieder. Aber es geht um „diesen Jesus”, den Auferstandenen, den Jesus, den niemand aus der Welt gesehen hat, den Jesus, den in diesen vierzig Tagen nur die Jünger einige Male gesehen haben, und nur sie, als er „erschien” oder „sich zeigte”, den Jesus, der bei geschlossenen Türen in ihre Mitte trat, und der mehrmals wieder ihren Blicken entschwand (vgl. Luk.24:31): „Dieser Jesus” ist es, der „wiederkommen” wird.

Und wieder andere machen sich eine falsche Vorstellung von dem Ausdruck „wird kommen, wie”. Sie denken, damit sei Fleisch und Blut gemeint; aber es geht um die Art und Weise. Er fuhr auf ganz still, ohne Schau oder Aufsehen oder Lärm, im Verborgenen, soweit es die Welt betraf, und nur seine Jünger wußten davon. Wenn er daher auf die gleiche Weise wiederkommt, wird dies ebenfalls ohne Kenntnis und ungesehen von der Welt geschehen, ohne Lärm oder Schaustellung, wahrgenommen nur von Gläubigen.

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